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Cyberspace und Lohengrin

Das studentische Kollektiv-Musiktheater
Über Frauen über Grenzen

München. Fast wie eine Persiflage des Mottos der diesjährigen Münchner Musiktheater-Biennale Über die Grenzen mutete das abschließende Projekt Über Frauen über Grenzen an, welches ausschließlich von Studenten der Hamburger Musikhochschule verwirklicht wurde. Unter Leitung von Peter Michael Hamel schrieben sieben Kompositionsstudenten ein Kollektiv-Musiktheater, für welches sich jeder seine eigenen Inhalte und Formen wählte. Gemeinsamer Nenner ist das Phänomen Frau, welches in drei archetypischen Ausformungen der griechischen Mythologie – Medea, Ariadne und Antigone – und deren modernen Abwandlungen vorgeführt wird. Da Dramaturgie und Musik durchweg männlichen Federn entflossen, lag es nahe, bewußt Klischees einzubeziehen, anstatt ihnen versehentlich aufsitzen zu müssen. Da die Idee erst vor einem Jahr geboren wurde, schrieben die zwischen 24- und 30-jährigen Tonsetzer munter drauflos und scherten sich nur beiläufig ums Drumherum, woraus dem Regisseur Stefan Herheim (geb. 1970) die verzwickte Aufgabe erwuchs, den heterogenen Eigenwüchsigkeiten mitvollziehbaren Zusammenhang, theaterwirksame Stringenz zu verleihen, was ihm bravourös gelang. Nicht nur, daß er mit traumwandlerischer Sicherheit auch die wenigen Durchhänger und Auswüchse (darunter einen sehr plakativen Exkurs, wo König Kreon zu Erich Honecker mutiert) abfederte und überall mit Schwung, Witz, Intelligenz und stimmigem Timing agieren ließ; er zeichnete überdies für die so einfache wie vielseitig verwendbare Bühnenausstattung verantwortlich, mit einer drehbaren Rundcouch im Mittelpunkt, deren Rücken eine Barkulisse abgab. Die Bündelung der divergierenden Aktionsstränge und Musiksprachen gelang nicht zuletzt über das intensiv einfühlende Auskosten der jeweiligen, individuellen Sphäre. Dazu kam der exquisite Einsatz von Videotechnik (Torge Möller und Momme Hinrichs), der im gekonnten und wirklich geistreichen Paraphrasieren aktueller Manipulation und der szenischen Punktgenauigkeit vergleichbare Beiträge zu den avancierteren Produktionen dieser Biennale sehr hausbacken aussehen ließ.
Eine stringente Handlung hat Über Frauen über Grenzen nicht. Anfang und Ende huldigen der "Frau an sich", einer Art Urfrau. Sie gibt den Weg frei für Medea, die, ins heutige Here-and-now geschmissen, in Jasons Talkshow gerät, wo –jawohl! – Fereshta Ludin allen Ernstes erklären muß, warum sie im Unterricht den Schleier nicht ablegen möchte. Allerlei Medea-Kult und -Nippes folgen, bis hin zur grotesken Episode, wo sie für den impotenten alten Pelias in verwandelter Gestalt als Fitness-Königin mit leichtem Bäuchlein der (unsäglich kitschigen) Fernsehwerbung entsteigt und ihn mit einem Happy Chromosome-Song ins Verderben schickt. Mörderin bleibt Mörderin… Ernster geht’s bei Ariadne zu, und vergeblich obendrein; umso absurder hier die Wende, als ein Blauhelm versehentlich auf sie schießt und der – BSE-verseuchte! – Minotaurus schlapp macht. Der bescheuerten Assoziationen sind unzählige. Die drei Antigone-Szenen – durchbrochen nur von dem grünschnäbeligen DDR-Ausflug Kreons – sind in altgriechisch mit Untertitel gehalten, als narrative, direkt dem Sinn des Texts abtrotzte, düster-dramatische Anrufungsmusik von Arvid Ong.

Da wäre fast der Charakter der Farce verlorengegangen. Doch wir landen wieder: bei Jason live in der Talkshow, wo Medea von ihrem geilen Kindermord quatschen darf, Antigone sich echt alternativ über die engherzige Obrigkeit erzürnt und das Geschehen endlich so richtig außer Kontrolle geraten darf. Hier nimmt Ariadne den Faden wieder auf, ihr Abgesang leitet das Ende herbei.
Ähnlich vielfältig wie der immer wieder ruckartig umbrechende Ablauf ist das kompositorische Spektrum. Sah Arvid Ong sich auf eine archaische Antigone-Evokation prädestiniert, so stellte Jörn Arnecke für das in Stagnation mündende Labyrinthspiel Ariadne-Theseus avancierte, anfangs sehr aggressiv-schroffe Klänge bereit, die zusehends flexiblerer, dann ausgesparter Beleuchtung unterworfen werden. Das ist schon sehr professionell, inklusive die damit verbundenen Gefahren der Verfügbarkeit. Nicki Marinic hat sich auf die polyvalente Magie Medeas geworfen, mit einer einprägsam-einfachen, der ambitionierteren Rockmusik entlehnten Idiomatik. Das geht unmittelbar ins Ohr und hindert nicht die Konzentration auf das Szenische. Ein angehender Casanova hemmungslosen Stilgemenges – über Zeiten über Grenzen – ist Sebastian Sprenger, und dafür kommt ihm die mißglückende Verjüngung Pelias’ gerade recht, wo uns nicht nur Lohengrin im Gefolge Michael Nymans vorbeizuflattern schwante. Irrwitziges zwischen Cyberspace und Musical vernietet Yotin Tiewtrakul zu einem sehr eigenwillig piepsenden, quietschenden, Anachronismus und Anarchie redundant mixenden Walpurgis-Tagtraum. Da könnte durchaus Zukunftsweisendes enthalten sein. Der Amerikaner Sean Reed lieferte die fünf theatralisch absurden und darin dem Gesamten wieder eine gewisse Kontur verleihenden "Mordszenen", stilistisch sehr frei, ohne Berührungsängste mit der Unterhaltungsmusik und mit Sinn für unmißverständliche Effekte. Einzig Sascha Lemke, der mit elektronischer Interaktion den Ein- und Ausklang in den Raum stemmte, blieb als Komponist eher anonym. Eine kurze Pause zur Mitte hin, nach der Ariadne-Episode – aufgrund einer unmittelbar vorangegangenen Erkrankung des Dirigenten nötig geworden –, wirkte sich übrigens kontraproduktiv aus und machte das folgende, minimalistisch infizierte instrumentale Interlude Sebastian Sprengers ganz überflüssig.
Was nun die Leistungen des Ausführenden betrifft, so hat die Hamburger Musikhochschule allen Anlaß zu stolzgeschwellter Brust. Besonders erwähnt seien die stimmlich wie mimisch sehr ausdrucksstarke Jennifer Rödel (Urfrau und Fitness-Medea), Talia Or als sinnliche Medea, Martina Hamberg als grazile Ariadne und Katharina Spielmann als präzis-präsente Antigone. Alle vier überzeugten mit ausgefeilter Technik und großer Eindringlichkeit. Auch die übrigen Darsteller waren trefflich einstudiert, desgleichen das Instrumentalensemble Aisthesis unter dem rechtzeitig wiederauferstandenen Frank Löhr. Der Erfolg im Carl-Orff-Saal des Gasteig, dessen tristes Ambiente man für eineinhalb Stunden bereitwillig transzendierte, war entsprechend, der Sinn des Experiments hatte sich weit über alle Erwartungen hinaus erfüllt.

Christoph Schlüren
(Originalfassung einer Rezension für Frankfurter Rundschau)

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