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München. Dem diesjährigen Motto der Münchner Musiktheater-Biennale
"
wie die Zeit vergeht" versuchte der spanische Komponist
Mauricio Sotelo mit einem Strukturkonzept zu entsprechen, das die
Zeit als spiralförmig verlaufend zugrundelegt und uns so in
der Umrundung des Gewesenen Déja-vu-Erlebnisse beschert.
Daß die Spirale dabei flugs zum Bild konzentrischer Kreise
mutiert, verwundert nicht weiter, denn für viele Musiker schneiden
sich die Parallelen im Endlichen. Also leitete Sotelo aus seinem
Konzept zudem eine palindromische, also spiegelbildliche Form für
sein Musiktheaterwerk ab, mit dem zentralen Zeitfenster in der zeitlichen
Mitte. Die Spirale aber bog er und das ist Musikern immerhin
möglich, seit die wohltemperierte Stimmung allen zwölf
Tönen unseres abendländischen Systems Demokratie verordnete
und unbeschränktes Modulieren ermöglichte antipalindromisch
zum Kreis zurecht: Das eineinhalbstündige Stück in drei
Teilen ohne Pause durschreitet eineinhalbmal den Quintenzirkel in
aufsteigender Quintfolge, den kleinstmöglichen harmonischen
Kreis beschreibend, um im vom Ausgangston h maximal entfernten Ton
f aufzuhören. Das Ende: symbolträchtig unaufgelöst.
Die gleichförmige Sukzession der Harmonik erwirkt ein beliebig
endloses Weitersteigen. Was den Hörer gefangennimmt, ist stattdessen
die vom Flamenco importierte mikrotonal ornamentierte Melodik, also
die auf kleinem Raum stattfindende musikalische Charakteristik.
Soweit stand das kompositorische Gerüst fest, als Peter Mussbach
dem von Vertextungs-Nöten geplagten Komponisten beisprang,
um über Regie und Bühne hinaus auch die Erstellung des
Librettos vorzunehmen. Schnell fand Mussbach heraus, daß dem
Palindrom thematisch wohl nichts besser anstehe als die Liebe. Er
erzählt in stilisierter Trivialität "eine ganz konkrete
Liebesgeschichte in ihrem prototypischen Verlauf: von der ersten
Begegnung über die Vereinigung bis zum Auseinandergehen".
Prototypisch? Mit Liebe meint er eine archaisierte Affäre,
deren erster und dritter Teil je vier Abschnitte umfassen, der Mittelteil
hingegen drei mit Vereinigungs-Höhepunkt im Zentrum. Wobei,
das Transitorische der Begegnung zum Motto erhebend, am Anfang ein
Epilog auf die vorhergehende und am Schluß ein Prolog auf
die nächste Einlassung stehen. Das ganze Theater steht auf
heterosexuell generalisierten Füßen: Es agieren "Sie"
und "Er", zur Vereinigung hin aus ihrer, von dieser weg
ins nervenzuckende Elend aus seiner Sicht. Die elf Abschnitte werden
aus kontrastierenden Sequenzen zusammengefügt, zwischen welche
sich in unveränderlichem Ritual Nachtmomente schieben. Fast
Parzen gleich treten zusätzlich mal sinnvoller, mal
sinnleerer das Geschehen kommentierend zwei Cantaoras (Flamenco-Sängerinnen)
hinzu. Für Abwechslung ist gesorgt, wobei erlesenes Timing
gerade den ersten Teil davor bewahrt, Züge einer belanglosen
Revue anzunehmen. Es hört genau da auf, wo ein weiterer Auftritt
der Ko-Protagonisten in lose Nummernfolge münden würde.
Problematisch mit dem Timing wird es in der auf die Vereinigung
folgenden Destruktionsphase. Herrschte bis dahin keine Verlegenheit
um überraschende Einfälle, so wurde es nun in der oft
aphoristischen Banalität des sich verhindernden Dialogs nicht
nur vorhersehbarer: Es hätte wohl doch des Bemühens um
finalisierende Wirkung bedurft, die sich ehestens durch die Neigung
zum Fließenderen, durch längere zusammenhängende
Abschnitte herstellen ließe, so man nicht drastisch kürzen
möchte.
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Ob das Sich-Ver- und Entlieben tatsächlich
palindromisch plausibel wird? Der ständige Wechsel von Kurzpsychogrammen
hat auch etwas Ermüdendes, da Willkürliches.
An witzigen Effekten der Sprache in ihrem Bezug zu Szene und Musik
mangelt es nicht, wobei Humor nicht allzu fein, aber unmißverständlich
über die Rampe kommt. Da gibts beim ersten Mal allerhand
zu lachen und zu schmunzeln, was sich bei wiederholtem Anhören
schnell abnutzt. Die Situationsvielfalt des Librettos wird ausgeglichen
durch die Einheitlichkeit der drei sehr einfachen Bühnenbilder,
die von großer, farbintensiver Ausleuchtungskunst profitieren
suoni con colori e connotazioni. Die Vereinigung spielt sich
in einem kalten, verglasten Raum ab, dessen triste Atmosphäre
eindrücklich hormonell aufgeladen wird. Diese Background-Tristesse
wird umrahmt von einem Aufbau mit drallem, großem roten Aufblas-Herzen
in der Mitte, auf welchem sich der jeweils die Fühlung beweisende
Protagonist schmiegsam tummelt. Daß dieses Herz vor der Vereinigung
aufrecht, nach derselben schief steht, mag als dramaturgischer Zeigefinger
Bestand haben.
Virtuos verschmilzt der 1961 in Madrid geborene Mauricio Sotelo
elektronisch aufbereitete Instrumentalklänge mit den Stimmen
seiner beiden Hauptakteure und der Cantaoras. Sotelo betont, daß
er die Flamenco-Elemente nicht folkloristisch meint. Sie wirken
aber folkloristisch. Es bleibt eine Collage, glücklicherweise
mit sinnlich umschmeichelndem, sehr symbiotischem Resultat. Daß
die räumliche Synchronisation von Bühne und Lautsprecherklang
nicht makellos funktioniert, ist ein kaum lösbares Problem.
Doch auch der im WDR-Studio für elektronische Musik bearbeitete
Klang des Instrumentalensembles hätte mehr räumliche Präzision
vertragen. Markus Eiche (Er) und vor allem Salome Kammer (Sie) agieren
nicht nur sängerisch hervorragend, sie geben sich auch eindrucksvoll
leidenschaftlich in den Dienst der bewegenden Personenführung.
Daß die Musik für sich allein auf die Dauer fesseln könnte,
ist unwahrscheinlich. Aber diese Frage muß hier nicht gestellt
werden, denn in Tateinheit mit der Mussbachschen Ergänzungsdiktion,
die bis in die schrägsten Stilisierungslagen hinein immer präzise
formuliert ist, ergibt sich ein zum Stimmigen tendierender Gesamteindruck,
der in seinem clever gestrickten Beziehungsprototypen-Weltbild mindestens
amüsant unterhalten kann. Größere Veränderungen
im dritten Teil sind sicherlich anzuraten. Doch die Biennale kann
stolz sein, ist doch ein Stück einigermaßen publikumsnahes
Musiktheater zustandegekommen, dem eventuell ein bißchen breiterer
Erfolg zuzutrauen ist. Auch wenn der Moment der "Liebe auf
den ersten Blick" sicher eine andere Darstellung verträgt
als den elektronische Handkantenschlag.
Christoph Schlüren
(Rezension für Frankfurter Rundschau) |