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"Bedient habe ich nie. Ich bin kein Dienstleistungsunternehmen.
Derlei Befriedigung wäre zugleich Betrug und Selbstbetrug.
Die Unterhaltungsmusik lügt da ehrlicher. Meiner Meinung nach
bezieht die Kunst ihre Würde - und ihre früher oder später
geborgenheitsvermittelnde Kraft - aus ihrer erneuernden Energie."
(Helmut Lachenmann im Gespräch mit Susanne Stähr)
Am 4. Juni 1997 wird dem schwäbischen Komponisten Helmut Lachenmann
im Cuvilliéstheater der Residenz der Ernst von Siemens-Musikpreis
1997, die mit 250.ooo DM europaweit höchstdotierte derartige
Auszeichnung, verliehen. Der seit 1972 vergebene Preis ging bisher
häufig an Interpreten (wie Bernstein, Karajan, Serkin, Kremer
oder Pollini), zuletzt aber zumeist an führende Komponisten,
unter ihnen Britten, Lutoslawski, Ligeti, Boulez, Henze, Messiaen,
Berio, Holliger, Carter und Stockhausen.
Es ist vielleicht nicht nur Zufall, daß die Preisvergabe an
Helmut Lachenmann in das Jahr seiner aufsehenerregendsten Uraufführung
fällt: Im Januar wurde die in der Fachwelt seit langem ersehnte
Andersen-Oper 'Das Mädchen mit den Schwefelhölzern' unter
großem Medien- und Publikumsandrang in der Hamburger Staatsoper
aus der Taufe gehoben. Bei scharf polarisierten, überwiegend
überschwenglichen Presseechos waren alle acht Vorstellungen
ausverkauft. Doch die Ehrung Lachenmanns war seit einiger Zeit zu
erwarten gewesen. Er gilt nach wie vor gemeinhin als Symbolfigur,
ja Speerspitze des Modernismus, und somit natürlich als exemplarischer
Vertreter der publikumsfernen Avantgarde; den einen ist er Held,
den anderen Buhmann. Lachenmann selbst verteidigt sich mit standhafter
Argumentationslust gegen die meist wenig einfühlsamen Angriffe
auf die Sache, die ihm, dem Pfarrerssohn, so heilig ist. Noch mehr
aber, so möchte er gerne suggerieren, stört ihn die Vereinnahmung
und Glorifizierung von der wohlmeinenden Seite, die konsumierende
Gönnerhaltung gegenüber dem kreativen Spinner. Lachenmann
suchte in der Welt der Klänge und Geräusche (die nicht
mit Musik in ihrem eigentlichen Wesen als nicht an die Materie
gebundene Prozessualität zu verwechseln ist, wobei er
diese Distinktion gewiß nicht anerkennen würde) stets
das, was ihm als existentielles Erlebnis, und demzufolge als das
nackte Betroffensein, schien, und die Bereitschaft dazu fordert
er, fordert seine Klang- und Geräuschwelt auch von anderen
Menschen ein.
Radikale Auflösung der Mittel
Geboren am 27. November 1935 in Stuttgart, hatte Helmut Lachenmann
an der dortigen Musikhochschule bei Johann Nepomuk David, einem
Gelehrten der neusachlichen Mehrstimmigkeit, Komposition studiert,
bevor er sich Luigi Nono anschloß, bei dem er sich in Venedig
bis 1960 das entscheidende Rüstzeug für ein Tonsetzerleben
an den Fronten des Unerwarteten erwarb. Kürzlich hat Lachenmann
sein 1968-69 geschriebenes Orchesterwerk 'Air' wieder gehört:
"Das Stück klingt heute noch phantastisch. Warum? Weil
ich keine halben Sachen gemacht habe. Weil ich das Orchester konsequent
wie eine physikalische Maschine behandelt und dann gerade in diesem
Kontext die magische Erfahrung von Ton, Intervall, von Klang neu
entdeckt habe. Das habe ich von Nono gelernt: wie aus einer - ästhetisch
- radikal umgepolten Umgebung Vertrautes so unvertraut stark und
neu hervortritt. Und da wollte ich noch weiter gehen, bis hinein
in die energetischen Wurzeln der Klangmittel selbst dort, wo dies
die gewohnte Musizierpraxis sprengt."
Lachenmanns Komponieren, das viel in den Grenzbereichen zwischen
Verhaltenem und Verstummen, zwischen Klang und Geräusch forscht
und tastet, das durch und durch sensorisch geprägt ist und
unablässig neue instrumentale Façetten erschließt,
hat Scharen nachfolgender Tonsetzer geprägt: "Am Anfang
einer kompositorischen Arbeit kann ich nie absehen, was am Ende
dabei herauskommen wird. Ich fange mit irgendwelchen Reizen und
Begeisterungen an. Und dann arbeite ich damit und - wichtiger noch
- 'Es' arbeitet in mir, und nach und nach finde ich die dahinter
wirkenden Gesetze heraus. Wie aber analysiere ich die Einmaligkeit
eines Stücks? Die intellektuelle bzw. analytische Beobachtung
der Dinge gehört zu meinen animalischen Bedürfnissen,
sie regt meine Kreativität mit an. Solches Vorgehen führt
immer wieder auf andere Weise zur Brechung des bereits Vertrauten.
Was leicht zum Selbstzweck werden kann, denn es provoziert natürlich
den Widerspruch der Umgebung.
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Und dann wird dämonisiert - und
heroisiert. Deswegen reagierte ich so allergisch gegen die Schublade
der musica negativa. Frivolität im Umgang mit den traditionellen
Mitteln, manieristisch zur akademischen Tugend erhoben: Peter Sloterdijk
nannte das 'Diplom-Surrealismus', eine fragwürdige Anti-Idylle.
Auch die läßt sich zelebrieren, und unsere liberale Gesellschaft,
sadomasochistischen Spielchen keineswegs abgeneigt, schluckt auch
das und steckt es weg. Dem kann Kunst nur mit dialektischem Instinkt
und zugleich schutzloser Aufrichtigkeit beikommen."
Vom Geist beherrschte Magie
Als zentraler Schlüssel zum Verständnis seines Schaffens
diente dem Leonberger Meister immer wieder der Terminus der 'Brechung':
Lachenmann möchte, so meint er, heraus aus der zwanghaften
Wirkung klanglicher Magie, indem er hinter den bekannten Wirkungen
die weniger bekannten Ursachen wahrzunehmen sucht. Erst diese Brechung
der angestammten Hörhaltung ermögliche einen Zustand verantwortlicher
Bewußtheit, der dann womöglich die Mechanismen des Magischen
abschütteln kann, um im daraus resultierenden Erlebnis der
Freiheit wieder eine Form von Magie zu erfahren: eine durch die
Brechung geläuterte Magie freilich, nicht mehr uns beherrschend,
sondern von uns beherrscht. Lachenmann: "Kunst ist vom Geist
beherrschte Magie. Kunst als erfahrene Möglichkeit von Freiheit.
Plötzlich spüren Sie beim Hören etwas fast naturhaft
- wie ein Blitz: Und Sie hören als ein Veränderter, sind
auf ganz neue Weise dabei. Wo das passiert, selbst bei stilistisch
ganz anders orientierten Werken, überkommt mich die Lust, selbst
zu schaffen. Insofern spricht mir Mozarts 'Gran Partita' jedesmal
Mut zu."
So unmißverständlich sich der Tonschöpfer Lachenmann
zu artikulieren bemüht, so sehr vermeint sich der Verteidiger
des aus dem Schaffen abgeleiteten Ideenguts von Fehlauslegungen
umgeben: "Die Mißdeutungsmechanismen sind unterschiedlich
eingefahren. Im Grund ist, was ich mache, unberechenbar. 'Die Regeln,
die ich mir gebe': Wenn mein Klangsinn dagegen rebelliert, gehorche
ich ihm. Natürlich, auch das Mahlersche 'Ich komponiere nicht
- ich werde komponiert', dem ich mich verschrieben habe, ist ein
strenges Prinzip; dieses allerdings geht weit über meinen Schreibtisch
hinaus und bindet die ganze Existenz ein; und dem verbalisierend
nachzugehen, ist unmöglich. Was soll das denn sein: 'konsequente
Verweigerung', will man mich an meinen eigenen Worten aufspießen?
Gut: 'Dann verweigere ich eben die Verweigerung.' Das sind diese
journalistischen Zubereitungsmanöver: Was man sagt, um ad hoc
etwas klarzustellen, wird zur künftigen Etikettierung benutzt.
Es geht mir immer wieder auf andere Weise um dieselben Problemlösungen:
Wie befreie ich die klingenden Momente von all diesen Besetztheiten?
Wie mache ich die Möglichkeit von Freiheit im klingenden Ereignis
bewußt?"
Christoph Schlüren
(Revidiertes Originalmanuskript eines Beitrags für das Münchner
Kulturmagazin 'Applaus' anläßlich der Verleihung des
Siemens-Musikpreises)
Lachenmann auf CD: Bei col legno sind vier Lachenmann-CDs erschienen:
Klaviermusik (AU 31813), die Kammermusiken 'Gran Torso' und 'Salut
für Caudwell' (AU 31804), der 50minütige 'Ausklang' für
Klavier und Orchester (WWE 31862) und eine Kammermusik-Zusammenstellung
rund um das Trio für Klarinette, Cello und Klavier 'Allegro
sostenuto' - Jubel vom Ende der (klingenden) Welt (WWE 31863). 3
Lachenmann-CDs gibts bei Montaigne Auvidis, darunter die 'Tanzsuite
mit Deutschlandlied' (782019) und Kammermusik (782023 und 782075).
Das jüngste auf CD verfügbare Werk ist "...zwei Gefühle...",
Musik mit Leonardo von 1992 (Accord 204852), das in Lachenmanns
bisheriges Hauptwerk, die Oper 'Das Mädchen mit den Schwefelhölzern',
Eingang gefunden hat.
(Stand 1997)
Buchtip: Die gesammelten Schriften Helmut Lachenmanns - anspruchsvoll,
kritisch, anregend, unbequem - liegen zuzüglich Interviews
in einer umfassenden Dokumentation vor. "Musik als existentielle
Erfahrung"; Breitkopf & Härtel; 454 Seiten, 90 DM.
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