Aus Anlaß des hundertsten Geburtstags des Komponisten Reinhard Schwarz-Schilling am 9. Mai 1904 hat sich der Dirigent Konrad von Abel entschlossen, mit seinem hochkarätigen, bei Besançon ansässigen Streichorchester Werke von Heinrich Kaminski, Reinhard Schwarz-Schilling und Heinz Schubert auf einer großangelegten Tournee dem deutschen Publikum vorzustellen. Wie kein anderer setzt sich Konrad von Abel für die Musik des Kreises um Kaminski ein.
Die
offizielle Musikgeschichtsschreibung hat sie fast vergessen,
in der breiten Öffentlichkeit sind die Namen dieser Komponisten
unbekannt. Das war nicht immer so und hat historisch nachvollziehbare
Gründe, die nicht in der Qualität der Musik liegen.
Heinrich Kaminski und sein Schüler Reinhard Schwarz-Schilling
sowie der Kaminski geistig und stilistisch eng verbundene Heinz
Schubert haben keine Schule vertreten, sondern ein Schaffensethos,
eine geistige Haltung, die jenseits vom einseitigen Fortschrittsdenken,
von den Moden und Trends standen, die die musikalische Tagespolitik
prägten. Ihr Denken und Erleben war auf Zeitlosigkeit
ausgerichtet, auf eine organische Fortentwicklung der polyphonen
Errungenschaften eines Johann Sebastian Bach oder Anton Bruckner.
Heinrich Kaminski (1886-1946) war in den zwanziger Jahren
und Anfang der dreißiger Jahre allgemein angesehen als
einer der ganz großen Komponisten. Aus der großen
Tradition des deutschen kontrapunktischen Denkens kommend,
hat er in seinen Orchester-, Chor- und Kammermusikwerken die
Vielstimmigkeit zu etwas Neuem, Unerhörtem entwickelt.
Viele sahen in ihm den legitimierten Fortführer dessen,
was die Tonkunst Bach, dem späten Beethoven und Bruckner
verdankte. In seinem hymnischen, religiös motivierten
Ton entwickelte er auf der Grundlage der jüngsten harmonischen
Errungenschaften eine Tonsprache von universaler Kraft, die
sich in ihrer Wahrhaftigkeit und kompromißlosen Inbrunst
nationalistischer Vereinnahmung widersetzte. Kaminskis prominentester
Schüler war Carl Orff, doch stand ihm Reinhard Schwarz-Schilling
(1904-85), der Ende der zwanziger Jahre von Walter Braunfels
zu Kaminski kam, viel näher und führte nach Kaminskis
Tod im Gegensatz zum herrschenden Zeitgeist das weiter, was
er von seinem Meister empfangen hatte. Heinz Schubert (1908-45)
war ein religiöser Ekstatiker, der sich als Komponist
wie als Dirigent politischer Vereinnahmung kompromißlos
widersetzte und letzten Endes dafür mit seinem Leben bezahlt
haben dürfte. Das einzige historische Dokument seines
Schaffens, das Fachleuten ein Begriff sein dürfte, ist
eine Kriegsaufnahme seines großangelegten 'Hymnischen
Konzerts' mit den Berliner Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler.

Kaminski
ging nach Hitlers Machtergreifung, hierin etwa vergleichbar
Schostakowitsch in der Sowjetunion, in die "innere Emigration".
Er blieb im Lande und kultivierte den geistigen Widerstand.
Am 4. Juli 1933, seinem 47. Geburtstag, gründete er mit
seinen engsten Freunden den 'Orden der Liebenden'. Die Ordensregel
schrieb u. a. vor, "nichts und niemanden zu hassen, sich
auch nicht durch Böswilligkeit oder Mißhandlung
zu Haßgedanken verleiten zu lassen
— denn Haß wird durch Nichthaß überwunden". Außerdem
solle man "täglich mindestens einmal, und sei es auch nur für
Sekunden oder Minuten, liebendes Gedenken in die Welt hinaussenden". Die
Zugehörigkeit zum Orden erwarb man "nicht ein für alle Mal, sondern
immer wieder durch täglich erneute Hingabe an diesen Dienst". Die Regel
solle nur demjenigen weitergegeben werden, "der dafür reif erscheint.
Unbedingtes Schweigen darüber ist ein Gebot, das sich von selbst versteht." 1938
wurde Kaminski nach vielerlei Schikanen als mutmaßlicher "Halbjude" mit
Aufführungsverbot belegt, gegen welches der ihn verehrende, ihm stilistisch
verbundene Komponist und Dirigent Heinz Schubert — der darauf beim Regime
in Ungnade fiel — mit der Uraufführung von Kaminskis 'In memoriam
Gabrieliae' verstieß.
Am 31. Mai 1941 erteilte die Reichsmusikkammer Kaminski den Bescheid über
die Aufhebung des Verbots mit der Begründung, er sei "nach dem Gutachten
Mischling mit einem der Rasse nach volljüdischen Großelternteil
["Vierteljude"]. Daher hat die Reichsleitung der NSDAP gegen die öffentliche
Aufführung seiner Werke keine Bedenken, außer wenn es sich um Konzerte
der Partei, ihrer Gliederungen und der angeschlossenen Verbände handelt."
Ein Geschmähter blieb er, der humanistische Freidenker, unter den herrschenden
Umständen freilich weiterhin, zumal die meisten der Dirigenten, die sich
für seine Werke eingesetzt hatten (wie Bruno Walter, Fritz Busch oder
Hermann Scherchen), kaltgestellt oder emigriert waren. Nach dem Kriege hätte
seine Zeit wieder kommen können, doch starb er bereits im darauffolgenden
Jahr. Auch sein Schüler Reinhard Schwarz-Schilling mußte, indem
er mit der unter Auftrittsverbot stehenden polnischen Pianistin Dusza von Hakrid
verheiratet war, die Gestapo fürchten. Die Kapitulation Deutschlands wurde
für sie zur Befreiung. Heinz Schubert hingegen ist in den letzten Tagen
des Zweiten Weltkriegs verschollen; es wird angenommen, dass er im finalen
Aufgebot des Volkssturms verheizt wurde, doch gibt es auch Gerüchte, er
sei in einem Konzentrationslager umgekommen.
Das
musikalische Nachkriegsklima jedoch entwickelte sich denkbar
schlecht für jene Komponisten, die der natürlichen
Kraft der Tonalität und der Harmonie keine Absage erteilten.
In Mitteleuropa übernahm die sogenannte 'Avantgarde' — zunächst
fixiert auf atonale Strukturmethodik (Serialismus), später
dann immer mehr auf die kurzatmige Sensation des Klangreizes — das
Ruder und beanspruchte die führende Rolle im musikalischen
Fortschritt der Welt. Alles, was sich diesem totalitären
Anspruch verweigerte, wurde mehr und mehr undifferenziert als "Anachronismus", "Spätromantik" usw.
geoutet (auch die führenden Komponisten etwa Rußlands
und Nordeuropas wie Schostakowitsch, Sibelius oder Britten
galten lange als rückständig). Heute sind diese rigiden
weltanschaulichen Haltungen in ihrer Absurdität entlarvt.
Sie haben letztlich zur Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit
der sogenannten "Postmoderne" geführt. Man hat
begonnen, das zu entdecken, was nicht nur im Dritten Reich,
sondern auch im Zeitgeist des geistig verhärteten Modernismus
danach unter die Räder gekommen ist. Die "entarteten" und
vertriebenen Tonschöpfer, die Exilkomponisten, wurden
und werden international rehabilitiert und (meist postum) in
ihr schöpferisches Recht gesetzt. Anders als in der Sowjetunion
jedoch hat man das, was in der "inneren Emigration" geschehen
ist, noch kaum gewürdigt (sieht man einmal von der Diskussion
um die Symbolfigur Wilhelm Furtwängler ab). Die Wiederbelebung
der Werke von Heinrich Kaminski, Heinz Schubert und Reinhard
Schwarz-Schilling soll nicht nur ein entscheidender Beitrag
sein, die wahre Bandbreite deutscher Musik im 20. Jahrhundert
erkennbar zu machen. Vielmehr soll diese großartige Musik,
dieser an den Wirren der Zeit gescheiterte Rettungsversuch
für eine freie, auf natürliche Weise aus der Tradition
gewachsene und diese überwindende Kunst, endlich ein erstes
Forum finden und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich
gemacht sowie den Meinungsbildnern zur Diskussion gestellt
werden. Der geistige Widerstand gegen ein totalitäres
Regime ist in die "innere Emigration" getrieben worden
und auch nach dem Kriege dorthin verbannt geblieben.
Diesen Bann aufzuheben ist es höchste Zeit, wenn wir tatsächlich
wissen wollen, was das 20. Jahrhundert hervorgebracht und für die Zukunft
zu sagen hat. Das hundertste Geburtsjahr von Reinhard Schwarz-Schilling ist
ein willkommener Anlaß zu dieser überfälligen Entdeckung und
zur Wiederaufnahme eines geistigen Impulses, der — als Gegenströmung
zu einer materialistisch durchorganisierten Welt — unmittelbar auf die
Transzendenz des klingenden Materials gerichtet ist. Kaminski und sein Kreis
haben Musik nicht als abgehobene Kunst, sondern als für die menschliche
Seele lebensnotwendige geistige Nahrung verstanden.
Reinhard Schwarz-Schillings 'Introduktion und Fuge für
Streichorchester' entstammen seinem Streichquartett in f-moll
von 1932, als er seinem Lehrer Kaminski im hymnisch-feierlichen
Ton auch stilistisch noch sehr nahe stand. Die Einrichtung
für Streichorchester entstand 1948 und wurde am 10. April
1949 durch die Berliner Philharmoniker unter Sergiu Celibidache
uraufgeführt.
Es ist eine besondere Schicksalsfügung, daß sich nun nach über
einem halben Jahrhundert mit dem Kaminski-Kenner Konrad von Abel der engste
Mitarbeiter des späten Celibidache wieder dieses Werkes annimmt.
Heinz Schubert komponierte 'Vom Unendlichen', Präludium und Fuge für
Sopran und drei solistische Streichquintette, Anfang der vierziger Jahre auf
einen pantheistischen zarathustrischen Hymnus an den Schöpfer.
In dem reich figurierten Satz entfaltet er in fesselloser, feierlich jauchzender
Weise die höchste Kunst seines die große deutsche Tradition weiterführenden
Kontrapunktstils.
Heinrich Kaminski schrieb sein Streichquintett in fis-moll 1916. Das Bruno
Walter gewidmete Werk, in welchem sich die Bestürzung über den Kriegstod
seines Künstlerfreundes Franz Marc niederschlug, brachte Kaminski mit
der Uraufführung am 12. März 1917 in München den Durchbruch.
In der Kritik war die Rede von der "Offenbarung eines jungen Genies, durch
die sich der Blick in neues Land öffnet". Das Finale des gut einstündigen
Werks ist eine gewaltige Fuge, die auch separat aufgeführt werden kann.
1927 revidierte Kaminski das Quintett, das in der Folge überall in Europa
von führenden Musikern gespielt wurde. Dann beauftragte er seinen Schüler
Reinhard Schwarz-Schilling, als eine Art 'Gesellenstück', mit der Bearbeitung
für Streichorchester, die er überwachte und autorisierte.
Das 'Werk für Streichorchester' wurde am 22. Februar 1929 in Wuppertal
unter Franz von Hoesslin uraufgeführt. Vergleichbar Beethovens 'Großer
Fuge', Bruckners Streichquintett oder Schönbergs 'Verklärter Nacht'
ist die Bearbeitung des Kammermusikoriginals für Streichorchester mit
einer größeren Differenzierung verbunden und unterstreicht in der
Erweiterung der Klangkontraste die symphonische Dimension der Komposition.
Kaminskis 'Werk für Streichorchester', das hiermit wiederzuentdecken ist,
muß als eines der imponierendsten und gewaltigsten Werke seiner Zeit
für diese Besetzung gelten.
Foto oben rechts:
Heinrich Kaminski · Foto Mitte links:
Reinhard Schwarz-Schilling, 1946
Foto Mitte rechts: Heinz Schubert
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