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Auszeichnung 2004: Förderpreis der Ernst von Siemens Musikstiftung

Die Wiederentdeckung von Kaminski, Schwarz-Schilling und Heinz Schubert
Schirmherr: Dr. Christian Schwarz-Schilling
Orchestre des Régions Européennes, Konrad von Abel Leitung · Susanne Winter Sopran

Aus Anlaß des hundertsten Geburtstags des Komponisten Reinhard Schwarz-Schilling am 9. Mai 1904 hat sich der Dirigent Konrad von Abel entschlossen, mit seinem hochkarätigen, bei Besançon ansässigen Streichorchester Werke von Heinrich Kaminski, Reinhard Schwarz-Schilling und Heinz Schubert auf einer großangelegten Tournee dem deutschen Publikum vorzustellen. Wie kein anderer setzt sich Konrad von Abel für die Musik des Kreises um Kaminski ein.

Wer kennt heute Heinrich Kaminski, wer Reinhard Schwarz-Schilling, wer gar Heinz Schubert?

Die offizielle Musikgeschichtsschreibung hat sie fast vergessen, in der breiten Öffentlichkeit sind die Namen dieser Komponisten unbekannt. Das war nicht immer so und hat historisch nachvollziehbare Gründe, die nicht in der Qualität der Musik liegen. Heinrich Kaminski und sein Schüler Reinhard Schwarz-Schilling sowie der Kaminski geistig und stilistisch eng verbundene Heinz Schubert haben keine Schule vertreten, sondern ein Schaffensethos, eine geistige Haltung, die jenseits vom einseitigen Fortschrittsdenken, von den Moden und Trends standen, die die musikalische Tagespolitik prägten. Ihr Denken und Erleben war auf Zeitlosigkeit ausgerichtet, auf eine organische Fortentwicklung der polyphonen Errungenschaften eines Johann Sebastian Bach oder Anton Bruckner.

Zur Geschichte und zum geistigen Hintergrund

Heinrich Kaminski (1886-1946) war in den zwanziger Jahren und Anfang der dreißiger Jahre allgemein angesehen als einer der ganz großen Komponisten. Aus der großen Tradition des deutschen kontrapunktischen Denkens kommend, hat er in seinen Orchester-, Chor- und Kammermusikwerken die Vielstimmigkeit zu etwas Neuem, Unerhörtem entwickelt. Viele sahen in ihm den legitimierten Fortführer dessen, was die Tonkunst Bach, dem späten Beethoven und Bruckner verdankte. In seinem hymnischen, religiös motivierten Ton entwickelte er auf der Grundlage der jüngsten harmonischen Errungenschaften eine Tonsprache von universaler Kraft, die sich in ihrer Wahrhaftigkeit und kompromißlosen Inbrunst nationalistischer Vereinnahmung widersetzte. Kaminskis prominentester Schüler war Carl Orff, doch stand ihm Reinhard Schwarz-Schilling (1904-85), der Ende der zwanziger Jahre von Walter Braunfels zu Kaminski kam, viel näher und führte nach Kaminskis Tod im Gegensatz zum herrschenden Zeitgeist das weiter, was er von seinem Meister empfangen hatte. Heinz Schubert (1908-45) war ein religiöser Ekstatiker, der sich als Komponist wie als Dirigent politischer Vereinnahmung kompromißlos widersetzte und letzten Endes dafür mit seinem Leben bezahlt haben dürfte. Das einzige historische Dokument seines Schaffens, das Fachleuten ein Begriff sein dürfte, ist eine Kriegsaufnahme seines großangelegten 'Hymnischen Konzerts' mit den Berliner Philharmonikern unter Wilhelm Furtwängler.

Kaminski ging nach Hitlers Machtergreifung, hierin etwa vergleichbar Schostakowitsch in der Sowjetunion, in die "innere Emigration". Er blieb im Lande und kultivierte den geistigen Widerstand. Am 4. Juli 1933, seinem 47. Geburtstag, gründete er mit seinen engsten Freunden den 'Orden der Liebenden'. Die Ordensregel schrieb u. a. vor, "nichts und niemanden zu hassen, sich auch nicht durch Böswilligkeit oder Mißhandlung zu Haßgedanken verleiten zu lassen
— denn Haß wird durch Nichthaß überwunden". Außerdem solle man "täglich mindestens einmal, und sei es auch nur für Sekunden oder Minuten, liebendes Gedenken in die Welt hinaussenden". Die Zugehörigkeit zum Orden erwarb man "nicht ein für alle Mal, sondern immer wieder durch täglich erneute Hingabe an diesen Dienst". Die Regel solle nur demjenigen weitergegeben werden, "der dafür reif erscheint. Unbedingtes Schweigen darüber ist ein Gebot, das sich von selbst versteht." 1938 wurde Kaminski nach vielerlei Schikanen als mutmaßlicher "Halbjude" mit Aufführungsverbot belegt, gegen welches der ihn verehrende, ihm stilistisch verbundene Komponist und Dirigent Heinz Schubert — der darauf beim Regime in Ungnade fiel — mit der Uraufführung von Kaminskis 'In memoriam Gabrieliae' verstieß.
Am 31. Mai 1941 erteilte die Reichsmusikkammer Kaminski den Bescheid über die Aufhebung des Verbots mit der Begründung, er sei "nach dem Gutachten Mischling mit einem der Rasse nach volljüdischen Großelternteil ["Vierteljude"]. Daher hat die Reichsleitung der NSDAP gegen die öffentliche Aufführung seiner Werke keine Bedenken, außer wenn es sich um Konzerte der Partei, ihrer Gliederungen und der angeschlossenen Verbände handelt."
Ein Geschmähter blieb er, der humanistische Freidenker, unter den herrschenden Umständen freilich weiterhin, zumal die meisten der Dirigenten, die sich für seine Werke eingesetzt hatten (wie Bruno Walter, Fritz Busch oder Hermann Scherchen), kaltgestellt oder emigriert waren. Nach dem Kriege hätte seine Zeit wieder kommen können, doch starb er bereits im darauffolgenden Jahr. Auch sein Schüler Reinhard Schwarz-Schilling mußte, indem er mit der unter Auftrittsverbot stehenden polnischen Pianistin Dusza von Hakrid verheiratet war, die Gestapo fürchten. Die Kapitulation Deutschlands wurde für sie zur Befreiung. Heinz Schubert hingegen ist in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verschollen; es wird angenommen, dass er im finalen Aufgebot des Volkssturms verheizt wurde, doch gibt es auch Gerüchte, er sei in einem Konzentrationslager umgekommen.

Die Zeit ist reif

Das musikalische Nachkriegsklima jedoch entwickelte sich denkbar schlecht für jene Komponisten, die der natürlichen Kraft der Tonalität und der Harmonie keine Absage erteilten. In Mitteleuropa übernahm die sogenannte 'Avantgarde' — zunächst fixiert auf atonale Strukturmethodik (Serialismus), später dann immer mehr auf die kurzatmige Sensation des Klangreizes — das Ruder und beanspruchte die führende Rolle im musikalischen Fortschritt der Welt. Alles, was sich diesem totalitären Anspruch verweigerte, wurde mehr und mehr undifferenziert als "Anachronismus", "Spätromantik" usw. geoutet (auch die führenden Komponisten etwa Rußlands und Nordeuropas wie Schostakowitsch, Sibelius oder Britten galten lange als rückständig). Heute sind diese rigiden weltanschaulichen Haltungen in ihrer Absurdität entlarvt. Sie haben letztlich zur Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit der sogenannten "Postmoderne" geführt. Man hat begonnen, das zu entdecken, was nicht nur im Dritten Reich, sondern auch im Zeitgeist des geistig verhärteten Modernismus danach unter die Räder gekommen ist. Die "entarteten" und vertriebenen Tonschöpfer, die Exilkomponisten, wurden und werden international rehabilitiert und (meist postum) in ihr schöpferisches Recht gesetzt. Anders als in der Sowjetunion jedoch hat man das, was in der "inneren Emigration" geschehen ist, noch kaum gewürdigt (sieht man einmal von der Diskussion um die Symbolfigur Wilhelm Furtwängler ab). Die Wiederbelebung der Werke von Heinrich Kaminski, Heinz Schubert und Reinhard Schwarz-Schilling soll nicht nur ein entscheidender Beitrag sein, die wahre Bandbreite deutscher Musik im 20. Jahrhundert erkennbar zu machen. Vielmehr soll diese großartige Musik, dieser an den Wirren der Zeit gescheiterte Rettungsversuch für eine freie, auf natürliche Weise aus der Tradition gewachsene und diese überwindende Kunst, endlich ein erstes Forum finden und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht sowie den Meinungsbildnern zur Diskussion gestellt werden. Der geistige Widerstand gegen ein totalitäres Regime ist in die "innere Emigration" getrieben worden und auch nach dem Kriege dorthin verbannt geblieben.
Diesen Bann aufzuheben ist es höchste Zeit, wenn wir tatsächlich wissen wollen, was das 20. Jahrhundert hervorgebracht und für die Zukunft zu sagen hat. Das hundertste Geburtsjahr von Reinhard Schwarz-Schilling ist ein willkommener Anlaß zu dieser überfälligen Entdeckung und zur Wiederaufnahme eines geistigen Impulses, der — als Gegenströmung zu einer materialistisch durchorganisierten Welt — unmittelbar auf die Transzendenz des klingenden Materials gerichtet ist. Kaminski und sein Kreis haben Musik nicht als abgehobene Kunst, sondern als für die menschliche Seele lebensnotwendige geistige Nahrung verstanden.

Die Werke

Reinhard Schwarz-Schillings 'Introduktion und Fuge für Streichorchester' entstammen seinem Streichquartett in f-moll von 1932, als er seinem Lehrer Kaminski im hymnisch-feierlichen Ton auch stilistisch noch sehr nahe stand. Die Einrichtung für Streichorchester entstand 1948 und wurde am 10. April 1949 durch die Berliner Philharmoniker unter Sergiu Celibidache uraufgeführt.
Es ist eine besondere Schicksalsfügung, daß sich nun nach über einem halben Jahrhundert mit dem Kaminski-Kenner Konrad von Abel der engste Mitarbeiter des späten Celibidache wieder dieses Werkes annimmt.
Heinz Schubert komponierte 'Vom Unendlichen', Präludium und Fuge für Sopran und drei solistische Streichquintette, Anfang der vierziger Jahre auf einen pantheistischen zarathustrischen Hymnus an den Schöpfer.
In dem reich figurierten Satz entfaltet er in fesselloser, feierlich jauchzender Weise die höchste Kunst seines die große deutsche Tradition weiterführenden Kontrapunktstils.
Heinrich Kaminski schrieb sein Streichquintett in fis-moll 1916. Das Bruno Walter gewidmete Werk, in welchem sich die Bestürzung über den Kriegstod seines Künstlerfreundes Franz Marc niederschlug, brachte Kaminski mit der Uraufführung am 12. März 1917 in München den Durchbruch. In der Kritik war die Rede von der "Offenbarung eines jungen Genies, durch die sich der Blick in neues Land öffnet". Das Finale des gut einstündigen Werks ist eine gewaltige Fuge, die auch separat aufgeführt werden kann. 1927 revidierte Kaminski das Quintett, das in der Folge überall in Europa von führenden Musikern gespielt wurde. Dann beauftragte er seinen Schüler Reinhard Schwarz-Schilling, als eine Art 'Gesellenstück', mit der Bearbeitung für Streichorchester, die er überwachte und autorisierte.
Das 'Werk für Streichorchester' wurde am 22. Februar 1929 in Wuppertal unter Franz von Hoesslin uraufgeführt. Vergleichbar Beethovens 'Großer Fuge', Bruckners Streichquintett oder Schönbergs 'Verklärter Nacht' ist die Bearbeitung des Kammermusikoriginals für Streichorchester mit einer größeren Differenzierung verbunden und unterstreicht in der Erweiterung der Klangkontraste die symphonische Dimension der Komposition. Kaminskis 'Werk für Streichorchester', das hiermit wiederzuentdecken ist, muß als eines der imponierendsten und gewaltigsten Werke seiner Zeit für diese Besetzung gelten.

Foto oben rechts: Heinrich Kaminski · Foto Mitte links: Reinhard Schwarz-Schilling, 1946
Foto Mitte rechts: Heinz Schubert

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