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Sergey Mikhaylovich Lyapunov
(geb. Yaroslavl, 30. November 1859 - gest. Paris, 8. November 1924)

Symphonie Nr. 1 h-moll, op. 12

Vorwort
Wer sich heute über unbekanntere Komponisten ausführlicher informieren will, muss nicht zwangsläufig eine Bibliothek aufsuchen. Elektronische Medien bieten zumeist eine schnelle und bequeme Alternative. Wer jedoch auf der Suche nach dem russischen Komponisten Ljapunow die einschlägigen Suchmaschinen des Internets mit dem Nachnamen füttert, sieht sich plötzlich mit Differenzialgleichungen oder Wahrscheinlichkeitstheorien konfrontiert. Dabei ist der Suchende schon in der richtigen Familie angekommen, aber wie oft auch später stand der Komponist Sergej Ljapunow in puncto Bekanntheit und Nachhaltigkeit selbst innerfamiliär im Schatten eines anderen, in diesem Fall in dem seines zwei Jahre älteren Bruders Alexander, einem erfolgreichen Mathematiker und Physiker.

Sergej Ljapunow wird 1859 in Jaroslavi geboren, der Vater Michajl ist als Astronom und Physiker Leiter des benachbarten Observatoriums und somit sicher Wegbereiter für den beruflichen Werdegang des erstgeborenen Sohnes Alexander, während die Mutter Sofia als Pianistin wohl eher die beiden anderen Brüder, Sergej und Boris, in Bezug auf die Berufswahl beeinflusst. Nach dem frühen Tod des Vaters zieht die Mutter mit den drei Söhnen 1870 nach Nischnij-Nowgorod, der Geburtsstadt von Balakirew, einem weiteren wichtigen „Schattenspender“ im Leben Ljapunows, wenngleich die erste persönliche Begegnung der beiden wohl erst später stattfand.

Nach dem Besuch des Gymnasiums und einer Klasse der Russischen Musik Gesellschaft, in der Sergej seine bei der Mutter begonnene musikalische, insbesondere pianistische Ausbildung fortsetzte, wechselt der junge Musiker auf Anraten Nikolai Rubinsteins 1878 an das Moskauer Konservatorium. Dort erhält er nicht nur fundierten Klavierunterricht, sondern besucht auch Kompositionsklassen mehrerer Lehrer, darunter die letzte Klasse Tschaikowskys vor dessen Ausscheiden aus dem Dienst. Den größten Einfluss als Kompositionslehrer dürfte jedoch Sergej Tanejew auf den Studenten eingeübt haben.

1883 legt Ljapunow sein Examen in den Fächern Klavier und Kompositionskunde mit Auszeichnung ab. Im selben Jahr trifft er zum ersten Mal auf Balakirew, mit dessen Musik er sich schon sehr lange beschäftigt hat. Zwei Jahre später zieht er endgültig nach Petersburg um und schließt sich vollständig dem Balakirewkreis an. Mili Balakirew ist ein guter und dankbarer Lehrer und Mentor, aber auch eine überaus dominante Persönlichkeit. Anders als nahezu alle anderen Schüler Balakirews wird Ljapunow eine lebenslange Freundschaft zu seinem Förderer unterhalten, was schon angesichts der gelegentlich schroffen Umgangsformen Balakirews seinen Mitmenschen gegenüber als bemerkenswert angesehen werden muss. Doch diese Freundschaft hat ihren Preis: Balakirews starker Einfluss hemmt geradezu die Ausbildung eines individuellen Kompositionsstils seiner Mitstreiter, und Ljapunow ist diesbezüglich auch nicht besonders ambitioniert. So hat der Zuhörer bei seinen Werken häufig den Eindruck, einem Plagiat oder Imitat zu begegnen. Schon die komponierenden Zeitgenossen haben dies mit dem Unterton der Missbilligung zum Ausdruck gebracht.

Für Ljapunow selbst stellt dieser Umstand aber zunächst kein Problem dar, er sieht seine Rolle als Musiker nicht auf das Komponieren beschränkt, seine Tätigkeiten sind breit gefächert. Infolge seiner brillanten Technik ist er als Klaviersolist gefragt, darüber hinaus nimmt er z.T. leitende Positionen an diversen musikpädagogischen Institutionen ein (u.a. an der von Balakirew gegründeten Musikalischen Freischule von 1908 bis 1911). Ferner betätigt er sich auf dem Gebiet der Musikwissenschaft. Er ist an der Herausgabe der Werke Glinkas beteiligt, sammelt Volkslieder, vervollständigt oder instrumentiert unvollständig hinterlassene Werke russischer Komponisten und publiziert die Briefe zwischen Balakirew und Tschaikowsky bzw. Rimski-Korsakow.

Mit dem Tod Balakirews im Jahr 1910 setzt bei Ljapunow langsam eine Veränderung beim Komponieren ein, die vielleicht als Unsicherheit oder Orientierungslosigkeit gedeutet werden kann. Die Anzahl seiner „Kompositionsvorbilder“ wird erweitert, z.T. über den Balakirewkreis hinaus, doch der ohnehin schmale Werkkatalog wird seltener um größere, symphonische Werke vermehrt, und diese werden z.T. auch nicht publiziert. Stärker noch als zuvor tritt er nun als Pianist und Dirigent in Erscheinung. Von 1910 bis 1917 hat Ljapunow eine Musikprofessur für Theorie und Klavier am Petersburger Konservatorium inne, ab 1919 lehrt er am neugegründeten Kunsthistorischen Institut der Stadt. Doch die Arbeitsbedingungen sind nach der Oktoberrevolution in jeder Hinsicht äußerst schwierig, und so kehrt Ljapunow 1923 der Sowjetrepublik den Rücken und siedelt nach Paris um. Dort gründet er eine Musikschule für russische Emigranten, doch eine lange Wirkungszeit ist ihm in Paris nicht beschieden: schon 1924 stirbt er an den Folgen eines Herzinfarkts.

Ljapunows Werkkatalog umfasst nicht besonders viele Werke, die sich zudem auf nur wenige Gattungen verteilen. Den größten Teil seiner Kompositionen machen Lieder und Klavierstücke aus, daneben existieren noch einige Orchesterwerke, darunter zwei Symphonien, zwei Klavierkonzerte und ein Violinkonzert.

1887, mit gerade 18 Jahren, stellt Ljapunow seine erste Symphonie fertig. Balakirews Lehrtätigkeit hat Früchte getragen, das viersätzige, etwa vierzigminütige Werk wirkt an keiner Stelle wie ein unausgegorenes Frühwerk. Die „Kinderkrankheiten“ bei Jugend-werken anderer Komponisten sucht man hier vergeblich: Satzproportionen und Tonartendisposition sind stimmig, die Themenverarbeitung wirkt nicht langatmig und die Instrumentation ist an keiner Stelle dick aufgetragen- ein Meisterstück in der technischen Anlage!
Den Schwerpunkt der Komposition bildet der erste Satz. Das von den Hörnern intonierte h-moll Motiv des einleitenden Andantino Abschnitts wird zur Keimzelle des nachfolgenden Hauptthemas im Allegro con spirito. Diesem folgt kontrastierend ein kantables Seitenthema Poco piu tranquillo, zunächst von der Bassklarinette vorgetragen und von den Bratschen begleitet. Beide Themen werden im Verlauf des Satzes beinahe klassisch verarbeitet, bevor der Satz in einem kurzem Piu mosso als Coda verklingt. Nicht nur bezüglich der Tonart h-moll erinnert dieser Satz an die zweite Symphonie von Alexander Borodin, die etwa zehn Jahre früher entstand- natürlich auch unter der Obhut Balakirews!

Der nachfolgende zweite Satz Andante sostenuto lebt vor allem durch seinen satten Es-Dur Streicherklang, lediglich der dunkler eingefärbte Mittelteil Pochissimo meno mosso schafft kurzfristig einen gewissen Kontrast.
Es folgt ein tänzerisches G-Dur Scherzo Allegro vivace, bei dem man sich beinahe in eine Ballettmusik á la Tschaikowsky hineinversetzt fühlt.

Das Finale Allegro molto greift mit seinem h-moll-Hauptthema auf das Einleitungsmotiv des ersten Satzes zurück. Die melodische Anlage der Themen erinnert teilweise an Rachmaninow, deren Verarbeitung an die mittleren Symphonien Glasunows (Nr. 4-6), doch sollte hieraus kein Plagiatvorwurf abzuleiten sein, denn die betreffenden Werke entstanden erst später. In einem breiten H-Dur Grandioso verklingt das in sich geschlossen wirkende Werk schließlich.

Die Uraufführung der Symphonie fand am 11. April 1888 in Sankt Petersburg an der Musikalischen Freischule statt. Am Dirigentenpult stand kein geringerer als Balakirew. Die Presse sowie die musikalischen Mitstreiter Ljapunows äußerten sich durchweg lobend, schon am 3. Dezember fand im Rahmen der Russischen Symphoniekonzerte eine weitere Aufführung statt, diesmal unter Leitung von Rimski-Korsakow. Eine Druckausgabe der Symphonie ließ jedoch noch zwei Jahre auf sich warten. Diese erschien 1901 im Verlag Zimmermann in Leipzig und fand nur wenig Verbreitung. Mit dieser Studienpartiturausgabe kann sich nun auch ein größerer Kreis Musikinteressierter ein Bild von der zu Unrecht vernachlässigten Kompositionsarbeit Ljapunows machen.

Wolfgang Eggerking, 2010

 

In Fragen des Aufführungsmaterials wenden Sie sich bitte an den Verleger Zimmermann, Frankfurt. Nachdruck eines Exemplars der Musikabteilung der Leipziger Städtische Bibliotheken, Leipzig.

Sergey Mikhaylovich Lyapunov
(b. Yaroslavl, 30 November 1859 - d. Paris, 8 November 1924)

Symphony No.1
B-minor, op. 12

 

Preface
Nowadays those seeking further information on lesser-known composers need not ne-cessarily visit a library; the electronic media usually provide a quick and convenient alternative. But anyone who types the name of the Russian composer Lyapunov into the standard search engines will be suddenly confronted with differential equations and probability theories. True, the seeker will have found his way into the right fami-ly. But the composer Sergey Lyapunov was later eclipsed in fame and longevity even within his own family, namely, by his brother Alexander, a successful mathematician and physicist two years his senior.

Sergey Lyapunov was born in Yaroslavl in 1859. His father Mikhail was an astronomer and physicist who headed the neighboring observatory, thus paving the way for the professional career of his first-born son Alexander. Sergey’s mother, Sofia, was a pianist who probably influenced the choice of profession of the other two brothers, Sergey and Boris. Following his father’s untimely death, Sergey’s mother moved with her three sons to Nizhniy-Novgorod in 1870. This was the birthplace of Mily Balakirev, who was to become another lodestone in Lyapunov’s life, although it was probably only much later that the two men actually met.

Sergey attended the local high school and a class at the Russian Music Society in which he could continue the musical, and especially pianistic training he had begun with his mother. In 1878, at the suggestion of Nikolai Rubinstein, he switched to Moscow Conservatory, where he received solid instruction at the piano and attended several composition classes, including Tchaikovsky’s last class before he left the faculty. The composition teacher with the greatest influence on the young Lyapunov was probably Sergey Taneyev.

In 1883 Lyapunov passed his examinations in piano and composition with distinction. In the same year he made the personal acquaintance of Balakirev, whose music he had already been studying for years. Two years later he moved permanently to St. Petersburg and wholeheartedly joined Balakirev’s circle. Balakirev, though a good and ingratiating teacher and mentor, had a thoroughly domineering personality. Nevertheless, unlike virtually all the other disciples, Lyapunov maintained a lifelong friendship with his patron – a remarkable circumstance considering Balakirev’s frequently gruff manner towards other people. But this friendship came at a price: Balakirev’s heavy influence virtually stalled the emergence of a personal style of composition in his followers. Nor was Lyapunov particularly ambitious in this respect. Thus, his music frequently leaves the listener with an impression of plagiarism or imitation – an impression also voiced by his fellow-composers with overtones of disapproval.

For Lyapunov himself, this did not at first pose a problem, for rather than limiting his musical activities to composition he kept them broad and many-sided. His brilliant technique made him a much sought-after pianist. He also held leading positions at se-veral educational institutions, including the Free School of Music founded by Balakirev (1908-11). Lastly, he was active in musicology, co-editing the works of Glinka, collecting folk songs, orchestrating incomplete works left behind by Russian composers, and publishing Balakirev’s correspondence with Tchaikovsky and Rimsky-Korsakov.

Balakirev’s death in 1910 initiated a gradual change in Lyapunov’s music that may be interpreted as uncertainty or a lack of direction. The number of his “compositional models” expanded to include musicians outside the Balakirev circle, but his already slender body of music was seldom augmented by large-scale symphonic works, and of those many never reached publication. His appearances as pianist and conductor became more frequent than ever before. From 1910 to 1917 he held a professorship in piano and theory at St. Petersburg Conservatory, and from 1919 he taught at the city’s newly founded Institute of Art History. But his working conditions became diffi-cult in every respect following the Russian Revolution, and in 1923 he left the Soviet Union and relocated to Paris, where he founded a music school for Russian émigrés. His period of activity in Paris was unfortunately cut short by his death in 1924 from the effects of a heart attack.

Lyapunov left behind a rather slender oeuvre limited to relatively few genres. The bulk of his music is made up of songs and piano pieces, besides which we also find a few orchestral works, including two symphonies, two piano concertos, and a violin concerto.

In 1887, having just turned eighteen, Lyapunov completed his First Symphony. Balakirev’s teaching had borne fruit; nowhere does this four-movement symphony of roughly forty minutes’ duration sound like an immature early work. We search in vain for the “teething troubles” found in other composers’ juvenilia: the proportions of the movements and the key scheme are well-balanced, the thematic development never sounds tedious, and nowhere is the orchestration congested – a masterpiece of compositional workmanship!

The main brunt of the symphony falls on its opening movement. The motif of the introductory Andantino section, intoned in B minor by the horns, becomes the germ-cell of the main theme that follows (Allegro con spirito). This is followed in turn by a contrasting lyrical second theme (Poco più tranquillo), initially stated by the bass clarinet and accompanied by the violas. Both themes are developed in an almost classical manner before the movement fades away in a brief coda (Più mosso). It is not only the key of this movement that recalls Alexander Borodin’s Second Symphony composed some ten years earlier – likewise under Balakirev’s supervision!
The second movement (Andante sostenuto) thrives primarily on its rich E-flat-major string sonority; only the darker middle section (Pochissimo meno mosso) creates a momentary contrast.

Then comes a lilting G-major scherzo (Allegro vivace) that almost makes us feel transported into a ballet score à la Tchaikovsky.

The finale (Allegro molto) returns to the introductory motif of the opening movement with its B-minor main theme. At times the melodic structure of the themes recalls Rakhmaninov; their development, the middle symphonies of Glazunov (Nos. 4-6). This is not to impute plagiarism, however, for the works in question did not arise until later. The inherently poised symphony finally comes to an end in a broad B-major Grandioso.

Lyapunov’s First Symphony was premièred at the Free Music School in St. Petersburg on 11 April 1888, with none other than Balakirev at the conductor’s desk. The critics and Lyapunov’s musical comrades-in-arms were full of praise, and on 3 December of the same year a repeat performance was held at the Russian Symphony Concerts, this time conducted by Rimsky-Korsakov. However, it was another two years before the work was published by Zimmermann of Leipzig in 1901. The print made little impression; our study score now gives music lovers a greater opportunity to become acquainted with Lyapunov’s unjustly neglected composition.

Translation: Bradford Robinson

 

For performance material please contact the publisher Zimmermann, Frankfurt. Reprint of a copy from the Musikabteilung der Leipziger Städtische Bibliotheken, Leipzig.