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Maurice Ravel
(geb. Ciboure bei Saint‑Jean‑de‑Luz, 7. März 1875 – gest. Paris, 28. Dezember 1937)

Shéhérazade: Ouverture de Féérie für großes Orchester (1898)

Bei der im November 1898 entstandenen Shéhérazade-Ouvertüre handelt es sich um die erste bekannte Orche-sterkomposition Ravels, geht sie doch selbst jenen farblosen Studentenkantaten voraus, mit denen der Komponist fünf Jahre lang erfolglos versuchte, dem Pariser Conservatoire den Prix de Rome abzutrotzen. So gesehen stellt das Jugendwerk eine beachtliche Leistung dar, die vor interessanten, wenn auch manchmal unbeholfenen Klangwir-kungen nur so strotzt und das volle Potential eines Orchesterapparats erprobt, der u.a. mit zwei Harfen, einer Celesta, einem erweiterten Schlagzeugkontingent sowie einem einsamen Sarrusophon ausgestattet wird. Was die formale Anlage betrifft, so geht es übersichtlich bis leicht akademisch zu; in einer wahrscheinlich von Ravel selber verfaßten Programmnotiz zur Uraufführung werden gerade die konventionellen Züge des Werks hervorgehoben, als ob es sich um die Leistung eines Musterschülers handele: „Das vorliegende Stück soll als Einleitung zu einer Märchenoper dienen, die durch die ‚Tausendundeine Nacht‘ inspiriert wurde. Es wurde nach der klassischen formalen Anlage der Ouvertüre komponiert, wobei eine Einleitung vorangestellt wird, in der das Thema der Shéhérazade zunächst von der Oboe vorgetragen und dann von den Hörnern und Trompeten wiederholt wird. Dann beginnt gleichsam die eigentliche Ouvertüre: I. Teil – Hauptthema h-Moll; Durchführung: episodisches Thema (gedämpfte Trompeten), das in ein Seitenthema (fis-Moll) nach einer persischer Melodie mündet. Schluß des I. Teils. II. Teil – Durchführung der vier Themen. Orgelpunkt nach dem erweiterten Hauptthema. III. Teil – Rückkehr des Haupt- und Seitenthemas, die beide gleichzeitig ertönen. Rückkehr der Einleitung, die als Coda fungiert.“
Von der erwähnten „Märchenoper“ hat Ravel nicht einmal erste Skizzen hervorgebracht; die Opernpläne dienten dem Komponisten eher nur als Vorwand, an die instrumentationstechnischen Errungenschaften der Russischen Schule anzuknüpfen, vor allem an Balakirew und Rimsky-Korsakow, dessen eigene unsterbliche Shéhérazade-Vertonung um zehn Jahre früher 1888 entstand.

Die Uraufführung der Shéhérazade-Ouvertüre fand am 27. Mai 1899 im Pariser Salle du Nouveau Théâtre unter der Leitung des Komponisten anläßlich des 278. Konzerts der Société Nationale de Musique statt. Da das neue Werk den Auftakt eines Konzertabends bildete, in dem unter anderem Werke von Fauré, Chausson, Albéniz, César Franck und Charles Koechlin zu hören waren, zeigte sich der junge Dirigent sichtlich nervös. Das Ergebnis war alles andere als ein Erfolg: Buhrufe vermischten sich mit anerkennendem Beifall, wobei Letzteres offensichtlich überwog, denn Ravel bekam sogar zwei Vorhänge. Die Kritiker aber ließen am neuen Werk kein gutes Haar. Die wohl interessanteste und ausführlichste Besprechung entsprang der Feder von Pierre Lalo, dem Sohn des berühmten Komponisten, der Ravel über die nächsten drei Jahrzehnte hinweg gleichermaßen mit Lob und Tadel überhäufen sollte: „In Wirklichkeit besteht Shéhérezade aus einer Reihe sehr kurzer Fragmente, die ohne jegliche natürliche Beziehung zueinander dastehen und nur durch äußerst schwache Bezüge miteinander verbunden sind. Man hat erst mal zehn Takte, oder fünfzehn oder dreißig, die scheinbar eine Idee darbieten, dann passiert auf einmal etwas ganz Anderes, dann noch etwas Anderes. Man weiß weder, woher man kommt, noch, wohin man geht. Falls das Ganze in den Augen des M. Ravel tatsächlich ‚nach der klassischen formalen Anlage der Ouvertüre‘ komponiert wurde, so muß man M. Ravel eine sehr blühende Phantasie bescheinigen. [...] Man sollte jedoch nicht dazu verleitet werden, Shéhérazade jegliche Qualität abzustreiten. Die harmonische Satzweise ist höchst kurios, zweifelsohne im Übermaß, aber M. Ravel leidet offensichtlich am Einfluß eines Musikers, den man hochschätzen, jedoch keineswegs nachahmen sollte: M. Claude Debussy. Dennoch ist die Instrumentation voller raffinierter Neuigkeiten und pikanter Klangwirkungen. Aus dem Ganzen könnte eventuell ein Künstler entspringen. Es ist zu hoffen, daß M. Ravel die Einheitlichkeit nicht verschmähen und sich öfter an Beethoven erinnern wird.“
Zum Glück erwies sich Ravel – wie auch im späteren Leben – gegen solche Kritikerstimmen immun, und unter den vielen Komponisten, die er später in seinen Kompositionen persiflieren und zugleich verherrlichen sollte, ist gerade Beethoven nirgends zu finden. Dennoch mußten weitere dreizehn Jahre verstreichen, ehe er ein weiteres Werk aus eigener Feder dirigierte.

Zwar zog Ravel die Shéhérazade-Ouvertüre klugerweise zurück (in späteren Jahren behauptete er, das Werk beinhalte „genug Ganztonskalen für ein ganzes Künstlerleben“), die Manuskripte behandelte er jedoch mit der gleichen Sorgfalt und Beflissenheit wie bei seinen großen Meisterwerken. Überliefert ist das Werk also nicht nur in einer Fassung für Klavier zu vier Händen (bzw. für zwei Klaviere), sondern auch in gleich zwei Partiturreinschriften, die sich nur leicht voneinander unterscheiden – ein Beweis dafür, daß er lieber das Werk peinlichst neu aufschreiben wollte, als das bestehende Manuskript mit Korrekturen zu verunstalten. Dieses ganze Quellenmaterial befand sich in seinem Nachlaß und wurde unter dem Titel Shéhérazade: Ouverture de Féérie als Studienpartitur und Klavierauszug (Paris, Salabert1975) sowie als Dirigierpartitur (New York, A.R.I.M.A./S.E.M.U.P 1975) veröffentlicht. Trotz gegenteiliger Behauptungen besteht keinerlei Verbindung mit dem berühmten späteren Liederzyklus Shéhérezade nach Tristan Klingsor (1903), abgesehen von dem gemeinsamen Gebrauch exotisch-pseudoorientalischer Tonleitern.

Bradford Robinson, 2009

In Fragen des Aufführungsmaterials wenden Sie sich bitte an A.R.I.M.A./S.E.M.U.P, New York.

Maurice Ravel
(b. Ciboure nr. Saint‑Jean‑de‑Luz, 7 March 1875 – d. Paris, 28 December 1937)

Shéhérazade: Ouverture de Féérie for large orchestra (1898)

The Shéhérazade Overture, composed in November 1898, is Ravel’s first known orchestral work, even preceding those bland student cantatas with which he tried for five years, unsuccessfully, to win the Paris Conservatoire’s Prix de Rome. Viewed in this light, it is an extraordinary achievement full of interesting, if slightly uncouth, timbral effects and exploring the full range of an orchestra containing two harps, a celesta, a wealth of percussion, and a lone sarrusophone. The form itself is straightforward bordering on academic; a program note for the première, probably written by Ravel himself, emphasizes its regularities, as if to suggest that it is the work of a model student: “This piece is intended to serve as an introduction to a fairy tale opera inspired by the Thousand and One Nights. Composed according to the classical structure of the overture, it is preceded by an introduction in which the theme of Shéhérazade, played by an oboe, is repeated by the horns and trumpets. The overture, properly speaking, then begins: 1st part – Initial theme in B minor; development: Episodic theme (muted trumpets), leading to the second theme (in F# minor), inspired by a Persian melody. Conclusion of the 1st part. 2nd part – Development of the four themes. Pedal point based on the expanded initial theme. 3rd part – Return of the first and second themes, heard simultaneously. Return of the introduction , which serves as the coda.”
The “fairy tale opera” of this quotation is not known to have reached even the sketch stage, and was probably nothing more than a pretext to draw on the orchestral achievements of the Russian School, especially Balakirev and Rimsky-Korsakov, whose own immortal Shéhérazade had appeared ten years earlier in 1888.

Ravel himself conducted the première of Shéhérazade on 27 May 1899 in the Salle du Nouveau Théâtre, Paris, during the 278th concert of the Société Nationale de Musique. It was the first item on a program containing works inter alia by Fauré, Chausson, Albéniz, César Franck, and Charles Koechlin, and the young conductor was obviously nervous. The result was far from a success: catcalls mingled with warm applause, although the latter apparently predominated (Ravel was given two curtain calls). The critics were little short of excoriating. Perhaps the most interesting and exhaustive review came from the pen of Pierre Lalo, the son of the famous composer and Ravel’s bête noir for the next three decades: “In reality Shéhérezade is composed of a series of very brief fragments, without natural connections between them, and attached to each other by extremely weak bonds. You have ten measures, or fifteen, or thirty, which seem to present an idea, then brusquely, something else happens, and then something else again. You don’t know where you’re coming from, or where you’re going. If this is what M. Ravel believes to be an overture ‘composed according to the classical plan,’ one must admit that M. Ravel has a great deal of imagination. [...] However, one should not think that Shéhérazade is without merit. The harmonic workmanship is extremely curious, excessively, no doubt, but M. Ravel is obviously undergoing the dangerous influence of a musician whom one should esteem but not imitate, M. Claude Debussy. But the orchestration is replete with ingenious novelties and piquant effects of timbre. From all of this an artist may emerge. One hopes that M. Ravel will not scorn unity, and will think more often of Beethoven.”
Fortunately Ravel, as later in life, proved immune to such criticism, and of all the many composers he later chose to emulate and apotheosize, Beethoven was not among them. However, it was to be another thirteen years before he again took up the baton to conduct one of his compositions.

Ravel wisely withdrew the score of Shéhérazade (years later he claimed that it contained “enough whole-tone scales to last a lifetime”), but he nevertheless treated it with the same care and solicitude as all his great works. It has thus come down to us not only in a version of piano four-hands (or alternatively for two pianos) but in two fair copies in full score, with slight differences indicating that he preferred to write out the work again lovingly in toto rather than deface his manuscript with corrections. All this material survived in his posthumous estate and was issued in print as Shéhérazade: Ouverture de Féérie in a miniature score and Ravel’s own piano reduction (Paris: Salabert, 1975) and in a conductor’s score (New York: A.R.I.M.A./S.E.M.U.P, 1975). There is, despite occasional arguments to the contrary, no connection with the later three-part song cycle Shéhérezade on poems by Tristan Klingsor (1903), apart from their common use of exotic pseudo-oriental scales.

Bradford Robinson, 2009

For performance material please contact the publisher A.R.I.M.A. /S.E.M.U.P, New York.