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Louis Spohr
(geb. Braunschweig, 5. April 1784 - gest. Kassel, 22. Oktober 1859)

Symphonie Nr. 3 c-Moll op. 78
für großes Orchester (1828)

Vorwort
Im Jahre 1887 – knapp hundert Jahre nach der Geburt von Louis Spohr – beurteilte der große deutsche Musikwissenschaftler Hermann Kretzschmar in seinem Führer durch den Concertsaal das Werk des Komponisten aus der Sicht des damaligen Konzertbesuchers:

„Fast zwei Menschenalter hindurch war dieser unermüdlich strebende Künstler auf diesem Gebiete thätig und nahm an allen den Bestrebungen thätigen Antheil, welche von Beethoven bis auf Liszt der Weiterentwickelung des sinfonischen Styls galten. [...] Spohrs dritte Sinfonie (C moll), seine vierte („Weihe der Töne“) und seine fünfte (C moll) bilden den Höhepunkt in der sinfonischen Thätigkeit ihres Verfassers und sind bis heute noch in den Programmen zu finden.“

Daß diese Symphonien heute in den Konzertprogrammen eben nicht mehr zu finden sind, gehört zu den großen Rätseln der Musikgeschichte. Denn zu dem Zeitpunkt, als Spohr seine Dritte Symphonie schuf, galt er nach dem Tod Webers 1826 und dem Beethovens 1827 einhellig als der lebende deutsche Komponist und unbestrittener Erbe der mächtigen Tradition, die von Bach und Händel bis zu Beethoven reichte. Seine Oper Jessonda (1823) und vor allem das international stürmisch gefeierte Oratorium Die letzten Dinge (1826) zeichnete ihn aus und erfüllte zugleich höchste künstlerische Ansprüche. Seine triumphale Laufbahn als Geigenvirtuose, sein glückliches Familienleben, seine prestigeträchtige Ernennung zum Kasseler Hofkapellmeister im Jahre 1822: all dies trug zum Grundgefühl des Optimismus und der Schaffensfreude bei, das in der Dritten Symphonie unbekümmert zum Ausdruck kommt.

Die Dritte Symphonie wurde Mitte März 1828 vollendet und am Ostersonntag des gleichen Jahres durch die Kasseler Hofkapelle unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt (im gleichen Programm Spohrs erste Wiedergabe von Beethovens Neunter Symphonie – kaum zwei Jahre nach ihrem Erscheinen). Das Werk wurde auf der Stelle als Meisterwerk bezeichnet und erschien noch im gleichen Jahr als Stimmensatz und als vierhändige Klavierfassung (in einer Bearbeitung von Spohrs jüngerem Bruder Ferdinand Spohr, 1792-1831) beim Berliner Verlag Schlesinger. Bald eroberte sich die Symphonie einen festen Platz im neu entstehenden Konzertbetrieb Mitteleuropas und Großbritanniens, wobei sie durch Mendelssohn und Wagner in Deutschland sowie durch Sterndale Bennett und Arthur Sullivan in England gepflegt wurde.

Die Dritte Symphonie weist eine ungewöhnlich komplexe motivische Struktur auf: Das Haupt- und Seitenthema entspringt – wie bei den „monothematischen“ Symphonien Haydns – dem gleichen Grundmaterial und bildet gleichzeitig die Grundlage für das Hauptthema des langsamen Satzes. Wohl am raffiniertesten ist jedoch der Aufbau des Finale, dessen Material gänzlich den ersten sechs Takten entstammt, wobei T. 1 zum Hauptthema, T. 3 zum signalartigen Schlußthema, T. 5 zum Fugenthema und T. 6 zum verspielten Seitenthema weiterentwickelt werden. Daß das thematische Material dieses Satzes einen solchen Beziehungsreichtum aufweist, deutet auf eine polyphone Grundhaltung hin, die im Durchführungsteil folgerichtig in einer monumentalen Fuge mit nicht weniger als elf Themeneinsätzen gipfelt. Genauso wie die rhythmische Gestaltung des Hauptthemas eine Nähe zur Zweiten Symphonie Beethovens verrät, so erinnert das Scherzo an den entsprechend Satz aus dem größten aller c-Moll-Vorbilder: der Beethovenschen Fünften.

Auch wenn die Dritte Symphonie die Beliebtheit der Vierten („Die Weihe der Töne”) nicht erreichte, behielt sie bis zur Jahrhundertwende einen so festen Platz in den Konzertsälen Europas, daß 1870 eine Veröffentlichung als Partitur (ebenfalls bei Schlesinger in Berlin) gerechtfertigt erschien. Noch Mitte des vorigen Jahrhunderts konnte das Werk sogar in einer Taschenpartitur mit dazugehörigen Orchesterstimmen bei Bärenreiter-Verlag 1957 in Kassel erscheinen. Obwohl heute selten im Konzert zu hören und ebenso selten aus Tonträger aufgezeichnet – eine löbliche Ausnahme stellt die Einspielung durch Gerd Albrecht und das Berliner Rundfunksymphonieorchester anläßlich des Spohrjahres 1984 dar –, gilt die Dritte Symphonie allgemein als das gelungenste der sinfonischen Werke Spohrs. In diesem Punkt mag wohl auch der heutige Zuhörer mit dem Urteil Kretzschmars aus dem Jahr 1887 übereinstimmen:

„Namentlich seine dritte Sinfonie (v. J. 1829) ist eins der liebenswürdigsten Denkmäler der ersten, unschuldigen Jugendzeit der musikalischen Romantik. Manche Zeilen in dieser Dichtung – wir denken an das zweite Thema des ersten Satzes – sind veraltet, aber aus dem Ganzen spricht der überschwängliche Geist milder, weicher Schwärmerei, dem Spohr zuerst einen eignen Ausdruck verlieh, noch in erster Frische. Bei Mozart liegen die Quellen dieser Spohr’schen Kunst; Schubert kannte er nicht, als er seine ersten Sinfonien schrieb, und von Beethoven’schen Anregungen macht er nur einen sehr vorsichtigen Gebrauch; der italienischen und französischen Oper, Cherubini namentlich, verdankt er Einiges. In der Hauptsache schuf sich Spohr seine Sprache selbst, und wie viel von den verminderten Schlussintervallen [...] und von anderen Wendungen seines romantischen Idioms in die Werke mitlebender und folgender Künstler übergegangen ist, wird man mit Staunen bei Betrachtung dieser C-moll-Sinfonie gewahr. Ihr Larghetto namentlich, der vollendetste, gedankenreichste und mannigfaltigste Satz des Werkes, hat in den Sinfonien gleichzeitiger und späterer Sinfoniker mächtig nachgewirkt.“

Aufführungsmaterial ist bei Lienau, Frankfurt zu beziehen.
Nachdruck eines Exemplars der Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, München

Louis Spohr
(b. Braunschweig, 5 April 1784 - d. Kassel, 22 October 1859)

Symphony No. 3 in C minor
for full orchestra, op. 78 (1828)

Preface
In 1887, a full century after Spohr’s birth, the great German musicologist Hermann Kretzschmar, in his Führer durch den Concertsaal, summed up his achievement for the benefit of contemporary concert-goers:

“This tireless and striving artist was active in the field [of the symphony] for the length of almost two lifetimes, and took an active part in all the efforts applied toward the further evolution of the symphonic style from Beethoven to Liszt. [...] Spohr’s Third Symphony (C minor), his Fourth (“The Consecration of the Tones”) and his Fifth (C minor) form the zenith of the symphonic activity of their creator, and are still to be found in concert programs to the present day.”

That they are not to be found in today’s concert programs is one of the great riddles of music history. At the time that Spohr composed the Third he was universally regarded, following the death of Weber in 1826 and Beethoven 1827, as the greatest living German composer and the heir to the mighty tradition ranging from Bach and Handel to Beethoven. His opera Jessonda (1823), and above all the tremendously successful oratorio Die letzten Dinge (“The Last Judgement,” 1826), had successfully raised claims to the loftiest aspirations of art. His triumphant career as a violin virtuoso, his happy family life, and his prestigious appointment as court music director in Kassel (1822) all contributed to the optimism and élan that found expression in his Third Symphony.

Spohr’s Third was completed in mid-March 1828 and received its première on Easter Sunday of that year, with the composer conducting the Kassel court orchestra (the same concert witnessed his first performance of Beethoven’s Ninth a mere two years after its publication). The work was immediately proclaimed a masterpiece and was published in that same year by Schlesinger in Berlin, both in a set of printed parts and in a piano-duet arrangement by his younger brother Ferdinand Spohr (1792-1831). The symphony quickly took hold in the newly emerging concert life of Central Europe and Great Britain: Mendelssohn and Wagner are known to have conducted it in Germany, and Sterndale Bennett and Arthur Sullivan in England.

Spohr’s Third is unusually intricate in its motivic construction. The first and second themes of the opening movement are built from the same material (in the manner of Haydn’s “monothematic” symphonies) and likewise form the basis of the central theme of the slow movement. Perhaps the most intricate of all is the fourth movement, whose entire material is developed from its opening six bars, with bar 1 evolving into the main theme, bar 3 mutating into the closing fanfares, bar 5 entering the fugue subject, and bar 6 emerging as the playful second theme. The fact that so much of the material of this movement is interrelated points to a contrapuntal emphasis that reaches a climax in the development section, a large-scale fugue with no fewer than eleven entrances of the subject. Just as the rhythmic shape of the main theme betrays the close proximity of Beethoven’s Second Symphony, so the Scherzo recalls the symphony’s great C-minor forebear, Beethoven’s Fifth.

Although not quite as popular as the Fourth Symphony (“Die Weihe der Töne”), the Third remained a fixture in Europe’s concert halls to the end of the century, sufficiently so to warrant its publication in full score in 1870 (again by Schlesinger of Berlin). Even as late as the mid-twentieth century it was accorded the honor of a pocket score, published with accompanying orchestral parts by Bärenreiter in 1957. Today, although seldom heard and equally seldom recorded (a notable exception is a performance by Gerd Albrecht and the Berlin RSO for the Spohr bicentennial in 1984), it is generally regarded as the best of Spohr’s symphonies, and listeners may well be inclined to agree with Kretzschmar’s assessment of over a century ago:

“The Third Symphony of 1829 in particular is one of the most ingratiating monuments of the initial, innocent youth of the romantic era. Many of the lines in this poem – we need only think of the second theme in the opening movement – are now passé, but the work as a whole bespeaks the effusive spirit of mild and gentle rapture, here in maiden bloom, that Spohr was first to make his own. The wellsprings of Spohr’s art lie in Mozart; Schubert was unknown to him when he wrote his first symphonies; and he made only very cautious use of the new ideas proceeding from Beethoven; some of his music owes its origins to Italian and French opera, above all to Cherubini. In the main, however, Spohr created his language himself; and when listening to the C-minor Symphony we notice with amazement just how much of the diminished cadential intervals [...] and other turns of phrase in his romantic idiom entered the music of his own and the following age. Especially the Larghetto, the most perfect, imaginative and multifarious movement of the entire symphony, had a powerful and lasting impact on contemporary and later symphonists.”

Bradford Robinson, 2006

For performance material please contact the publisher Lienau, Frankfurt.
Reprint of a copy from the Musikbibliothek der Münchner Stadtbibliothek, München.