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Sergiu Celibidache, Über musikalische Phänomenologie

Ein Vortrag und weitere Materialien

Reihe: Celibidachiana I: Werke und Schriften, Band 1 (Hrsg. Lang, Patrick; Mast, Mark)
80 Seiten, 36 Notenbeispiele, Format 20 x 14 cm
1. Auflage | Erscheinungsdatum: 04.08.2008 | ISBN 978-3-89639-641-9 | 19,80 EUR

"Es gibt keine Alternative zu Musik und deshalb auch keine Interpretation."


celibidache buch1985 hielt Sergiu Celibidache, gebürtiger Rumäne, Kosmopolit, viel bewunderter Ausnahmedirigent und einer der großen Lehrer und "Orchestererzieher", in München den einzigen Vortrag seines Lebens. Zwar lehrte Celibidache seit seiner Berliner Zeit praktisch ununterbrochen Theorie und Praxis seiner Phänomenologie der Musik; zwar stand für ihn die lebendige Vermittlung seiner Lehre wohl fast gleichwertig neben der musikalischen Praxis. Und dennoch hat er alle seine äußerst anspruchsvollen und um die ausgefeilteste Formulierung bemühten Essays zu diesem Thema zu Lebzeiten verworfen oder jedenfalls nie veröffentlicht. Er wollte den Verlockungen der einseitigen Darstellung einer nur intellegiblen Theorie, die nicht in lebendiger Wechselwirkung mit dem wirklichen Geschehen stehen konnte, nie in letzter Konsequenz erliegen. Wohl nur dieses einzige Mal hat er sich zu einem regelrechten, "frontalen" Vortrag über seine Lehre entschlossen, die in radikalem Widerspruch zu allem im etablierten Musikleben Geglaubten und Praktizierten zu stehen scheint.

Der 2001 erstmals von Gundolf Lehmhaus herausgegebene Text nebst Begleitvorträgen wird hier in einer sorgfältig überarbeiteten und um zahlreiche Notenbeispiele ergänzten Neuauflage vorgelegt.

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Buchrezension von Christoph Schlüren, Fono Forum 2002

Den Schleier ablegen

rezension"... Der Celibidache-Vortrag „Über musikalische Phänomenologie" ist angesichts der wackligen Tonband-Quellenlage sehr sorgfältig von Gundolf Lehmhaus ediert worden. Es ist allerdings sehr fragwürdig, ob auch die aufmerksamste Lektüre ohne weiteres zum Verständnis der phänomenologischen Methode bezüglich der Musik verhelfen kann. Nicht umsonst schließt Celibidache seinen Vortrag mit dem Hinweis auf die Warnung seines großen Lehrers Heinz Tiessen, dass die Chancen „dieser einsätzigen Denksymphonie, wo die Klänge des mitresonierenden Zuhörers nicht ohne weiteres zu hören ... sind", gering bleiben. Er selbst, bekennt er, sei durch die Spuren schlimmster Willkür in der Musik zur Phänomenologie gekommen - „Also: Kampf — unerbittlicher Kampf der Willkür, unter welchen Aspekten sie auch immer wieder auftauchen mag. Es muss im Menschen selber die Mittel dazu geben ..." Insgesamt ist dieser Diskurs durch die Gründe der Musikphänomenologie ein teils sehr spontan gefärbter Zick-Zack-Kurs, den mehrfach zu lesen - mal eher vogelperspektivisch, dann wieder im Ringen um kleinste Details - unbedingt zu empfehlen ist, um unter die erscheinungsreiche Oberfläche zu dringen. Treffende Bonmots bleiben nicht aus („Der Musikliebhaber, der Rimskij-Korssakov »süßlich« findet, bringt seinen Diabetes in jedem Konzert mit."). Doch das sinnvolle Verknüpfen der wesentlichen Aussagen kostet den Studierenden die offene Auseinandersetzung mit einem Stoff, den er womöglich bis dahin ganz anders betrachtet hat. Die Musik-Phänomenologie geht grundsätzlich von zwei Studien-Pfaden aus: „Das Objektivieren des Klanges, und zweitens: das Studium der vielfältigen Weise, wie der Klang eindeutig auf das menschliche Bewusstsein einwirkt." Die etablierte Musikwissenschaft wird attackiert, denn was sie „grundsätzlich ignoriert, ist die zeitliche Struktur des Erscheinens der Epiphänomena [des Klanges] und ihre in der Affektwelt des Menschen reflektierende Implikation ... Das Wesen der Musik ist in der Beziehung Ton-Mensch und den Entsprechungen zwischen dieser zeitlichen Struktur des Klanges und der Struktur der menschlichen Affekt welt zu suchen." Da unterbleibt natürlich nicht die Untersuchung des menschlichen Geistes, der „eine in sich geschlossene, unteilbare Entität" ist, „die ständig einer Vielfalt von Erscheinungen gegenübersteht. Er ist also ... eine ,Eins' und kann nur mit einer anderen .Eins' auf einmal zu tun haben ..." Um nun beim Springen von Wahrnehmung zu Wahrnehmung die ihrem Wesen nach zeitlose Beziehung zwischen den einzelnen Punkten zu erleben, muss der Geist nicht nur in der Lage sein, das Angeeignete stets sofort wieder zu verlassen, sondern die einzelnen Punkte zu einer höheren Einheit zu transzendieren. Daher ist zu verstehen, dass Celibidache musikalische „Begabung" mit „Korrelationsfähigkeit" definierte. „Was bleibt, ist die [musikalische] Beziehung, die nur durch Transzendenz erfahrbar ist." Das ist prinzipiell jedem möglich, doch nicht jeder kann jederzeit „das, was zwischen seinem reinen Bewusstsein und der Realität als farbiger Schleier fungiert, beseitigen und ablegen ... Wenn der Klang unterschiedlich wirkt, ist das nur auf den unterschiedlichen Zustand der egobedingten Trübungen der Wahrnehmung ... zurückzuführen." Klare, radikale Einsichten in das, was die Menschen trennt, und so kann diese Veröffentlichung ein wesentlicher Beitrag zu weiterer Auseinandersetzung mit dem sein, was Celibidache ein Leben lang am Herzen lag und doch von den meisten nur ganz oberflächlich oder überhaupt nicht verstanden worden ist. Bei allem Respekt vor seiner teilweise eigenwilligen Sprachdiktion hätte übrigens manche amüsante Schrulle doch noch Verbesserung vertragen, so das typische "wir kommen noch darüber [statt darauf] zurück". Was der Qualität des Vortrags, dem hoffentlich bald weitere einschlägige Literatur folgt, keinen Abbruch tut."