"Rony
Rogoff ist der einzige Geiger, der auf jeden spezifischen Stil
die richtigen Proportionen anwendet, und der überragende
Mozartspieler unserer Zeit - einer der wenigen, die von der
hinter den Klängen liegenden Wahrheit wissen und fähig
sind, dies auch zum Ausdruck zu bringen." So urteilte
Sergiu Celibidache über seinen einstigen Schüler
und langjährigen Weggefährten.
Der aus Israel stammende Rony Rogoff erhielt ersten Geigenunterricht von seinem Vater, einem Gründungsmitglied des Israel Philharmonic Orchestra, und von Ramy Shevelov. Dann studierte er an der Juilliard School in New York bei Ivan Galamian und vor allem bei Dorothy DeLay sowie bei Joseph Szigeti in der Schweiz.
Als Solist wurde er außer vom Israel Philharmonic Orchestra unter dem ihn hoch schätzenden Zubin Mehta u. a. von den wichtigsten Orchestern aus Philadelphia, San Francisco, Paris, Madrid, Tokyo, Manila, Caracas, den Rundfunkorchestern Kopenhagen und Stuttgart, den Münchner Philharmonikern, dem Orchestre de la Suisse Romande und der Rheinland-Pfälzischen Staatsphilharmonie begleitet, unter Dirigenten wie Celibidache, Bernstein, Asensio, Ceccato oder Arthur Fiedler.
Legende wurden seine Solo-Auftritte im New Yorker Lincoln-Center mit Bach-Partiten und Stockhausens "Zodiac". Die Programme spielte Rogoff für Sony ein.
Neben der Beherrschung des gesamten gängigen Repertoires gab es bei Rogoff auch immer die Bereitschaft, sich völlig in den Dienst entlegener Literatur zu stellen, so z. B. mit der amerikanischen Erstaufführung des Violinkonzerts des großen norwegischen Zwölftöners Fartein Valen. Kritikerpapst H. H. Stuckenschmidt erklärte 1982 bei den Berliner Festwochen nach der Aufführung des Violinkonzerts von Alban Berg mit den Münchner Philharmonikern unter Celibidache kurzum, diese Darbietung stimme mit dem letzten Willen des Komponisten - den er noch kannte - überein wie keine andere.
Die
Zusammenarbeit mit Sergiu Celibidache über viele
Jahre hin war musikalisch die prägendste im Leben Rogoffs,
und der ständige Austausch mit vielen erstklassigen Künstlern
weltweit ließ ihn zu einem der erfahrensten Violinpädagogen
werden und er stellte zunehmend seine solistische Tätigkeit
dahinter zurück.
Legende sind seine Meisterkurse für Violine und Kammermusik in Südamerika, Japan, auf den Philippinen, in Italien, Österreich (Sommerakademie des Mozarteums) und Deutschland (9 Jahre durchgehender Aufbauarbeit in den CJD-Einrichtungen Elze und Berchtesgaden). Auch als Dirigent und Orchestererzieher, u. a. in Dänemark, Spanien, Italien, Japan, Südamerika und auf den Philippinen genießt er weltweit hohe Wertschätzung.
In den 90er Jahren begann Rogoff, in Italien — zunächst in der Nähe von Vicenza — aus Schülern ein Kammerorchester aufzubauen, welches zunächst unter dem Namen 'I Cameristi - La Scuola di Rony Rogoff' auftrat, sich schnell einen ausgezeichneten Ruf erwarb, bald zu den renommierten italienischen Festivals eingeladen wurde und in Venedig die komplette Kammermusik von Johannes Brahms (vom Duo zum Sextett) sowie die 1. Serenade für Orchester live auf CD einspielte (erschienen bei Mondo Musica und in der Fachpresse mit Lobeshymnen bedacht). Mit der Eingliederung als offizieller Klangkörper der Fondazione Cini in Venedig wurde das Orchester umbenannt in 'Accademia Musicale di San Giorgio'. Die Auftritte mit anspruchsvollster Literatur wie Anton Bruckners Streichquintett (in der chorischen Fassung), Strauss' Metamorphosen, Schönbergs 'Verklärte Nacht' und Suite in G, Bartóks Divertimento, Werken von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms usw. stellen die einmalige Klang- und Musizierkultur dieses Ensembles unter Beweis. Rony Rogoff war bis 2002 Künstlerischer Leiter des Ensembles .
"Über die rechte Hand habe ich bei niemandem soviel
gelernt. Er bringt seinen Schülern größtmögliches
Verständnis der elementaren Prinzipien und Probleme des
Instrumentalspiels bei. In der Kammermusikarbeit ist es tiefstes
Erfassen der Struktur, selbstloses Verwirklichen im Dienste
der Musik, wofür er steht, ohne je auf den vordergründigen
Erfolg zu schielen. Seine Kurse sind rundherum ergiebiger als
andere, an denen ich teilgenommen habe."
Christian Ostertag, Gewinner des Deutschen Musikwettbewerbs
in Bonn, Konzertmeister beim Sinfonieorchester des Südwestrundfunks
Freiburg und Baden-Baden.
Rezension des Brahms-Zyklus in der NMZ (Neue MusikZeitung)
‚Celibidache-Pendant‘
1995 gründete der Celibidache-Intimus Rony Rogoff (er
spielte mit dem rumänischen Maestro u. a. Violinkonzerte
von Mozart und Berg) in Arcugnano bei Vicenza seine Scuola,
die zunächst in den Hallen einer ehemaligen Axtfabrik
probte und in kürzester Zeit zu einem beispiellosen Höhenflug
startete. Die Früchte der Arbeit sind in dem 14 (ausschließlich
live mitgeschnittene) CDs umfassenden Brahms-Mammutprojekt
aufs Fesselndste verewigt. Sie wirken wie das kammermusikalische
Pendant zu Celibidaches symphonischem Brahms, der nun ja auch
aus der Münchner Spätzeit erhältlich ist — am
unmittelbarsten erfahrbar in der großen Serenade, die
Rogoff selbst dirigiert. Natürlich dokumentieren diese
unmanipulierten Aufzeichnungen manche kleine Schwächen
(Intonation), doch die sind relativ gering und spielen bei
der durchweg höchste Ansprüche verwirklichenden Darstellung
keine Rolle. Die Formung des detailliert Mannigfaltigen geschieht
stets aus dem klaren Bewußtsein um die Funktion in der
Gesamtform. Das Charakteristische jedes einzelnen Satzes, der
Spannungsverlauf sind die prioritären Kriterien. Die modulatorischen
Pfade werden sinnfällig zu bezwingender Eindeutigkeit
gerichtet, das kontrapunktische Geflecht ist von logischer
Transparenz bei sonorem, noblem Klang (1. Quintett!) und auch
in sehr breiten Tempi nicht stockender rhythmischer Vitalität.
Gerade die größer besetzten reinen Streicherwerke
habe ich noch nicht in solch organisch gefaßter, zusammenhängend
musizierter Weise gehört. Aber auch die Streichquartette
sind (allein schon bezüglich der idealen Balance) vorbildlich
erarbeitet. Möchte man unter den vorzüglichen Musikern
einen hervorheben, so zumindest den Klarinettisten Giorgio
Levorato, dessen Spiel kaum von dieser Welt ist. Nicht so ideal
ist die Aufnahmetechnik, eher schwammig und undeutlich (vor
allem das Klavier), was bei weniger ausbalancierten Ensembles
desaströse Folgen hätte — nicht aber hier:
für alle Freunde großer Kammermusik ein Muß,
trotz empörender Fehler der Bookletredaktion (mehrfach
falsche Werke bzw. falsche Reihenfolge)!
Kritik in der Frankfurter Rundschau
'MUSIKHELDENTUM IN DER AXTFABRIK'
Debüt der Scuola di Rony Rogoff beim Bologna Festival
Musica
von Christoph Schlüren
Italien steht vor einem Scherbenhaufen, der sich Orchesterlandschaft
nennt, seit die nationale Rundfunkanstalt Rai drei ihrer vier
Symphonieorchester auf-gelassen und die Spitzenkräfte
aller vier bisherigen Einrichtungen in Turin zu einem einzigen
Repräsentationsorchester zusammengezogen hat. Neapel ist
so nun symphonisches Niemandsland, Rom wird einzig durch das
Santa-Cecilia-Orchester versorgt, Mailand durch die Philharmoniker
der Scala. Insgesamt ists um die klassische italienische Musikkultur
schlechter denn je bestellt, und auch der weithin beliebte
Riccardo Muti hat sich kürzlich als abonnenten-freundlicher
Streikbrecher keineswegs als weitblickender Stratege erwiesen.
Eine der gravierendsten Folgen des Kahlschlags ist natürlich,
daß der musikalische Nachwuchs sich ins Leere entwickelt
- wo eine Stelle bekommen, wenn die Institutionen verschwinden?
Notstand wirkt nicht auf alle lähmend: manchen verleiht
er erst die rechte Dynamik, manche Gruppe schweißt das
erst richtig zusammen. In jahrelanger Kleinarbeit hatte der
junge Dirigent Leonar-do Gasparini in Venedig seine Sinfonietta
Veneta aufgebaut, ein Streicherensemble aus ambitionierten
jungen Taenten. Allmählich kam man in Italien zu einem
ausgezeichneten Ruf, wurde für Kantabilität und Legato-Kultur
bewun-dert. Doch plötzlich, im Herbst 1992, verschwand
Gasparini von einem Tag auf den anderen in der Versenkung,
und das Orchester war ohne jede Ankündigung völlig
auf sich selbst gestellt. Gasparini ist später wieder
in Paris aufgetaucht, hat jedoch seither mit seinen Musikern
nichts mehr zu tun. Die wissen nach wie vor nicht, was damals
eigentlich vorgegangen ist. Bella Italia...
Einige Mitglieder des Ensembles waren da schon seit längerem
Schüler des israelischen Geigenvirtuosen Rony Rogoff,
dessen Vater Mitgründer des Israel Phil-harmonic Orchestra
war, dessen Mut-ter und dessen Bruder Ilan exzellente Pianisten
sind. Als Sproß einer echten Musikerfamilie sog Rony
die kammermu-sikalische Realität sozusagen mit der Muttermilch
ein. Er studierte mit Szigeti, Galamian und Dorothy DeLay.
Früh gab ihn sein Vater in die künstlerische Obhut
von Sergiu Celibidache, mit dem er seit den siebziger Jahren
auch als Solist konzertierte, so in Konzerten von Mozart und
Berg. Was an Musikantentum bei Rogoff so reich angelegt war,
wurde in der Auseinandersetzung mit diesem Übervater erst
ausgeformt. Rogoff, der vielbeachtete Solorecitals im New Yorker
Lincoln Center (mit Bach und Stockhausen) gab, verspürte
danach immer mehr den Drang, sein musikalisches Wissen weiterzuvermitteln.
Heute ist er als Pädagoge eine unumstößliche
Autorität, als konzertierender Musiker aber - zumindest
in Europa - relativ unbekannt. Seine italienischen Schüler
besuchten die Meisterklassen, die er zweimal jährlich
in Deutschland abhielt. Da die Italiener sich als das treueste
und begeisterungsfähigste Schülerkontingent herauskristallisierten,
entschloß sich Rogoff vergangenen Herbst schließlich,
die ganze Aktivität endgültig nach Italien zu verlagern
und einen lange gehegten Traum wahrzumachen: eine Heimstatt
für Fortgeschrittene, die zugleich solistisches Forum,
kammermusikalischer Zirkel und Kammer-orchester der Spitzenklasse
sein soll-te.
Im November letzten Jahres wurde in Arcugnano, einem kleinen
Dorf bei Vicenza, die Scuola di Rony Rogoff ins Leben gerufen
- in den Räumen einer ehemaligen Axtfabrik, unter den
bescheidenen Gönnerhänden der Familien einiger Mitwirkender.
Das Projekt machte so grandiose Fortschritte, daß man
aus dem nahegelegenen Bologna Beobachter ausschickte, um eine
künftige Einbindung in das jährliche Festival zu
erwägen. Die Festivalmacher befanden, daß hier nichts
abzuwarten sei. Da das Bologna Festival Musica aber zur traditionellen
Laufzeit zwischen April und Juni bereits ausgelastet war, entschloß man
sich zu einem Appendix: erstmals fand das Festival im September
eine herbstliche Fortsetzung, die mit fünf Konzerten an
drei Abenden ausschließlich der Präsentation der
Scuola di Rony Rogoff vorbehalten war.
Die Veranstaltungen im ehrwürdigen Teatro Comunale wurden
durchgehend ein bedeutender Erfolg, nicht nur bei Fachleuten,
die die starke Akzentsetzung auf das Schaffen des 20. Jahrhunderts
lobten: Bartók, Schönberg, Webern, Berg, Stockhausen
- alles ganz spezifisch gereift in der intensiven und langen
Auseinandersetzung, waren dies doch die ersten offiziellen
Konzerte der Scuola. Höhepunkte waren das Schubert-Oktett
in höchster Verfeinerung, bezwingend gespannten weiten
Bögen; ein zweites Bartók-Quartett, das hohe klangliche
Verschmelzung und selbstverständliches Sich-Bewegen im
vierstimmigen Geflecht offenbarte; die durchweg bezwingende
Entwicklung der Gedanken in der Cellosonate von Debussy durch
Giuseppe Barutti, der am Anfang einer viel-versprechenden Solokarriere
steht; und natürlich Rogoffs Auftritte, sei es als Solist
mit Mozarts G-Dur-Konzert oder Stockhausens Tierkreis, sei
es als impulsiver Dirigent einer farbenprächtig schillernden
Dvorák-Streicherserenade. Beileibe nicht alles war perfekt,
was bei den langen Programmen und der vielfältigen Einbindung
der meisten Mitwirkenden kein Wunder ist. Doch genügt
das technische Niveau erstrangigen Ansprüchen, und die
gestalterische Potenz ist außerordentlich.
Nun kann man nur hoffen, daß der Enthusiasmus für
die Sache so weiterträgt, nicht für einige zu einer
bedingungslosen Vergötterung von Maestro Rogoff führt.
Denn bisher geht es nicht primär um seine Person, ist
aber auch nicht von ihr zu trennen. Die Italiener brauchen
Helden, und Rogoffs Aufgabe besteht nach dem aufsehenerregenden
Debüt nicht nur darin, der Region einen herausragenden
Klangkörper zu schenken, sondern auch das Potential starker
Einzelbegabungen sich frei entfalten zu lassen.
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