Juan JosÉ Chuquisengo · Concert Reviews
Begeisterte Zuhörer bei Galakonzert der Hessingpark-Clinic:
Juan José Chuquisengo verzaubert sein Publikum
Augsburg, 27. November 2005 (gb)
Alte Meister aus dem "Massengrab der Belanglosigkeit zu holen" und sie mit virtuosem Fingerspitzengefühl und unglaublicher Intensität zeitgenössisch zu interpretieren, das beherrscht der peruanische Klaviervirtuose Juan José Chuquisengo wie kaum ein anderer Künstler seines Faches. Davon waren, wie schon beim ersten Konzert an gleicher Stelle im Vorjahr, die etwa 200 Zuhörer beim Galakonzert am Samstagabend im Foyer der Hessingpark-Clinic überzeugt. Sie bedachten den Meisterschüler des legendären Sergiu Celebidache mit stehenden Ovationen für seine Darbietungen und musikalischen Erläuterungen zu ausgewählten Stücken von Bach, Mozart, Chopin, Händel und van Beethoven...

Ein großer Epiker ohne Pathos am Piano
Der Peruaner lässt das begeisterte Publikum spüren, dass Musik ein geistiger Zustand ist
Juan José Chuquisengo im Sudhaus von Schloss Seefeld.
Seefeld · Man kann ihn weder als introvertiert, noch als extrovertiert bezeichnen. Juan José Chuquisengo baut am Klavier vielmehr einen eigenen Mikrokosmos auf, bezieht darin die Zuhörer ein und sucht die Verbindung zu ihnen. Doch auf einer rein geistigen Ebene. auf der körperliche Präsenz eine untergeordnete Rolle spielt. Das ausverkaufte Sudhaus des Schlosses Seefeld wurde zu einem einzigen musikalischen Energiefeld, in dem stille Passagen Gebeten glichen und fulminante Virtuosität emotionalen Wallungen.
Mit der transparenten Schlichtheit der beiden Bachchoräle machte Chuquisengo empfänglich, öffnete die Sinne, lehrte das Hören. John Foulds (1880 - 1939), dessen minimalistische Experimente mit der Musik ferner Kulturen momentan neu entdeckt werden, konnte die kontemplative Versenkung mit Ghandarva-Music meditaiv vertiefen. Das wäre passiert, wenn Bach nach Indien gelangt wäre, konstatierte einst ein Zeitgenosse Foulds' – und Chuquisengo gab ihm recht. Musik als geistiger Zustand und nicht als Folge von Tönen wurde so zur Voraussetzung für die weiteren Interpretationen. Doch keinesfalls esoterisch gehaucht. Die Chaconne in G-Dur HW 435 von Händel entwickelte gar ein insgesamt wuchtiges Klangerlebnis, dessen Verlauf von zarter Kantabilität bis zu sinnlichen Tonfluten reichte. Beethovens Sonate op. 13 c-Moll konnte dann daraus wie ein Denkmal erstehen – in sich ruhend, unspektakulär, und doch unerschütterlich. Der langsame Mittelsatz, Adagio cantabile, weckte die wehmütige Erinnerung in berührender Schönheit an dessen Ursprung.
Die Pause musste sein, war aber ein Verlust, denn Mozart setzte da an, wo Beethoven entschwand. Trotz mozartscher Klarheit und melodischer Schönheit seiner grandiosen Erfindungen wuchs die Sonate a-Moll KV 310 zu einer imposanten Größe an. Das Andante relativ zügig und die Rahmensätze nicht allzu rasant gespielt, bekam das exakt Perlende der Töne eine eigene Qualität. Es war ein leichtes Monumet, das aber mit luftigen Höhen ebenso wie schattig-diffusen Bereichen geformt erschien. And diesen Erzählstil konnte Chopin nahezu nahtlos anknüpfen, zumal die Ballade f-Moll op. 52 tatsächlich nach einer litauischen Sage entstanden war.
Allerdings ist Chuquisengo kein Plauderer, als vielmehr ein weitatmiger Epiker ohne Pathos. Er fesselte im Detail, pointierte, ohne dick aufzutragen, schaffte aber auch Atmosphäre, wenn Chopin Geheimnisse hatte. Sein Scherzo b-Moll op. 31 zum Abschluss wirkte denn auch nahezu entfesselt und gänzlich im Dienst virtuoser Elegie und kantabler Schönheit. Der Höhepunkt und poetische Erleuchtung, aber auch Rückkehr zur Erde. Der Kreis schloss sich, alles war gesagt. Trotz frenetischen Beifalls und lang anhaltenden Applauses durfte keine Zugabe folgen
Reinhard Palmer, Süddeutsche Zeitung, 27. September 2005
Juan José Chuquisengo und die Reichenhaller Philharmonie:
Klavierkonzert d-moll op. 15 von Johannes Brahms
"Triumph für alle Beteiligten
...
Vor der Pause erklang eines der mächtigsten Werke von Johannes Brahms, sein von jugendlichem 'Sturm und Drang' erfülltes Erstes Klavierkonzert d-moll op. 15. Solist war der Peruaner Juan Chuquisengo. Chuquisengo ist ein einzigartiges Phänomen. Bis dato unbekannt, erschien vor zwei Jahren eine Ravel-CD bei Sony, die überall hymnische Kritiken einfuhr. Jetzt im November kommt seine nächste Sony-CD, ein spannendes Programm unter dem Titel 'Transcendent Journey'. Über die Brahms-Aufführung ist eigentlich nur Bestes zu berichten. Schon die Orchester-Einleitung, deren harscher Tonfall normalerweise selbst Spitzenorchestern sehr spröde von der Hand geht, überraschte mit fein ausgespielter Motivik, reich schattiertem Tonfall, und das Geschehen nahm mit einer mitreißenden Unwillkürlichkeit seinen Lauf, dass man hätte meinen können, die Musik entstünde just in diesem Moment, ganz neu. Dieser Brahms war in einem Maße spannend, unerwartet, die emporschießenden Kontraste auf unvorhersehbare Weise wieder auffangend, wie ich dies bisher nicht erlebt habe. Natürlich muss man auch als erfahrener Hörer wirklich "leer" sein – ohne Erwartungen, ohne Besserwissereien –, um für eine so außergewöhnliche Qualität des Musizierens offen sein zu können. Man konnte nur staunen, auf welch hohem Niveau das Orchester unter Mandls suggestiver, nie übertriebener Stabführung den feinen Nuancierungen und energetischen Kaskaden des Solisten folgte und im selbstbewussten Dialog agierte. Chuquisengo treibt, dem schlechten Flügel ein Maximum an Farben abtrotzend, die Gegensätze ins äußerste Extrem zwischen vulkanischer Eruption und versonnenster Nachtstimmung. Seine rhythmische Brillanz und sein Drive, die subtilste Feinabstufung harmonischer und melodischer Bögen, die Direktheit und Poesie des Ausdrucks, die unsentimentale Innigkeit und weittragende Spannkraft im meditativen Mittelsatz und die virtuose, nie mechanische Agilität im Finale: all das begeisterte das Publikum, das Chuquisengo Ovationen darbrachte. Hoffentlich kommt er bald wieder nach Bad Reichenhall, wo für die Philharmoniker mit Thomas Mandl eine neue Ära angebrochen ist, die das Orchester weit über alle Erwartungen hinaus wachsen lässt. Dieses Konzert war ein Triumph für alle Beteiligten."
Süddeutsche Zeitung, 20.10.2004

Juan José Chuquisengo und die Sueddeutsche Kammersinfonie
spielen das Klavierkonzert d-moll (KV 466) von Wolfgang Amadeus
Mozart
"...Ein Hochgenuss war der Vortrag des "Konzertes
für Klavier und Orchester" d-moll (KV466) von Mozart
durch den in Peru geborenen, jetzt weltweit wirkenden Pianisten
Juan José Chuquisengo und Peter Wallingers Orchester.
Das im ersten Satz kompositorisch etwas verschlungene, aber
im Grunde klassisch angelegte Konzert, das mit dem Romanze-Mittelsatz
und dem Final-Rondo zwei wundervoll melodieträchtige
und zuletzt auch rhythmisch fulminante Teile hat, wurde großartig
dargeboten. Hoch sensibel im Anschlag, technisch über
alle Schwierigkeiten erhaben, und gestalterisch sehr feinfühlig
spielte der Solist seinen Part einschließlich der beiden
großen Kadenzen. Vom synkopierten Anfang mit der Bass-Floskel
über die bekannte Romanze-Melodie bis zum raketenartig
auffahrenden Finalthema entwickelte das Orchester in feiner
Abstimmung von Tempo, Lautstärke und Tongestaltung seinen
Beitrag vorzüglich..."
Helmut Müller, Bietigheimer Zeitung,
10.12.2003

Höchstmaß an lyrischer Farbigkeit
Das Jugend-Symphonie-Orchester München überzeugt
im Herkulessaal mit guten Solisten
Beethovens Tripelkonzert ist leider nur selten zu hören,
denn das anspruchsvolle Werk verlangt als Solisten ein Klaviertrio,
das solistische Brillanz mit kammermusikalisch präzisem
Zusammenspiel verbindet. Für das Konzert des Jugend-Symphonie-Orchesters
München im Herkulessaal hatte man hierfür drei junge,
aber bereits preisgekrönte Musiker verpflichtet - eine
exzellente Wahl.
Den schwierigsten Part hatte die Cellistin Ulrike Hofmann.
Sorgsam kommentierte sie mit warmem, näselndem Ton die
Stichworte, die das von Alejandro Vilar dezent geleitete Orchester
ihr gab, bravourös-energisch nahm sie die Bälle
auf, die ihr die Geigerin Ariadne Daskalakis zuspielte. Aus
dem relativ schlichten, ursprünglich für Beethovens
Gönner Erzherzog Rudolf bestimmten Klavierpart kitzelte
Juan José Chuiquisengo ein Höchstmaß an
lyrischer Farbigkeit heraus...
SEBASTIAN WERR, Süddeutsche Zeitung,
02.10.2003
Lesen Sie weitere Konzertkritiken über das Tripelkonzert,
aufgeführt in Herrsching und Ulm hier

Juan José Chuquisengo: Pianistische Genauigkeit
Es ist eine ebenso seltsame wie erstaunliche Doppelbegabung,
die das Spiel des peruanischen Pianisten Juan José
Chuquisengo auszeichnet. Während man sich beispielsweise
bei seiner Interpretation von Mozarts Sonate KV 333 in B-Dur
im Kulturforum fragt, ob man dieses streckenweise sehr lieblich
angelegte Werk wirklich mit derart unsentimental-analytischem
Anschlag durchdringen kann, stellt sich auf der anderen Seite
das Gefühl ein, man sollte es auf jeden Fall so und nur
so tun. Und immer wieder scheint der extreme Individualismus,
den der Klavierspieler präsentiert, auf rätselhafte
Weise zugleich eine objektive Lesart anzudeuten.
Diesen Eindruck gewinnt man bereits bei den zwei Danzas argentinas
Alberto Ginastera, mit denen der in München lebende Musiker
sein Konzert beginnt, es verstärkt sich weiter, als Chuquisengo
den Flügel für seine Interpretation von georg Friedrich
Händels Chaconne G-Dur 229 fast gänzlich schließt.
Das Rsultat ist von cembalistischer Klarheit, und weil der
Deckel den Rest des Abends in dieser Position bleibt, wirkt
auch der Mozart des Celibidache Schülers leicht barockisiert.
Erstaunlich bei alledem der sparsame, aber messerscharf dosierte
Pedaleinsatz: Maurice Ravels Ma mère l'oye wird zu
einer bis ins kleinste Detail ausgeformten Feinzeichnung,
bei der Chuquisengo extreme Forte-Ausbrüche einsetzt,
um die sich parallel entwickelnden Affekte zu kontrastieren"
Mit preußischer Strenge nimmt der Pianist nach der
Pause sowohl Johann Sebastian Bachs Toccata in c-moll BWV
911 als auch Robert Schumanns Toccata op. 7, bevor er mit
Frédéric Chopins Ballade N. 1 op. 23 in g-moll
und dem Scherzo N. 2 op. 31 in b-moll noch einmal unterstreicht,
wie wenig Salon man hier entdecken muß, wenn man mit
so viel chirurgischer Genauigkeit vorzugehen vermag.
ost, Kieler Nachrichten, 19. September
2003
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"Ein Philosoph am Klavier
Juan Chuquisengo vereint Virtuosität und Interpretation
Ismaning
· Die Kunst, den Klang in allen Feinheiten in sich
aufzunehmen, durch den Körper fließen zu lassen
als Energiequelle, die Kunst, diesen Klang in eine Sprache
zu verwandeln, die in vollkommener Harmonie mit dem Selbst
und der Natur steht, diese Kunst trägt der in Peru geborene
Pianist Juan José Chuquisengo in sich. Das mag zum
einen daran liegen, dass er seit seiner Kindheit dem Kleinen
große Bedeutung beigemessen hat, um zu überleben,
sich nicht in den Schwierigkeiten seines Landes zu verlieren.
Sozusagen nach dem Motto: Wer das Kleine lieben gelernt hat,
wird mit dem Großen behutsamer umgehen. Zum anderen
daran, dass er sich in seiner Karriere sieben Jahre Zeit genommen
hat, Innenschau zu halten, also nicht nur die musikalische
Perfektion in technischer Hinsicht zu vervollkommnen, sondern
nach dem Warum und den Zusammenhängen von Mensch, Klang
und Musik zu fragen. Diese Auseinandersetzung spürt man
bei seinem Spiel in jedem Ton. nicht umsonst charakterisierte
Sony Classical die vor kurzem erschienene CD von Chuquisengo
mit Werken von Maurice Ravel mit dem Titel "Philosoph
am Klavier".
Der
Ruf des sensiblen Pianisten war ihm wohl vorausgeeilt. Denn
der Ismaninger Schlossaal war schon lange nicht mehr so voll
gewesen. Stühle mussten herangeschafft werden. Die Zuhörer
wurden dann auch nicht enttäuscht, im Gegenteil. Das
Konzert war nicht nur ein musikalischer Hochgenuss, sondern
hinterließ Spuren im Herzen. Das Programm, gespickt
mit technischen Höchstleistungen, fächerte die Bandbreite
des Pianisten hervorragend auf. Die zwei argentinischen Tänze
von Alberto Ginastera (1916–1986) nimmt Chuquisengo
mit kraftvollem, federndem Anschlag. Die leichte Melodie baut
der Pianist aus. Mal in zartem Piano, mal in donnerndem Forte
legt sie sich dominierend über die begleitende Stimme
und wird dramatisch inszeniert. Der letzte Ton verklingt im
Nichts.
Ähnlich verfährt Chuquisengo mit zwei Werken von
Isaac Albeniz. Er erzählt Geschichten, dramatische, liebliche;
er erzählt Geschichten, die zu Bildern werden. Virtuos
und mit einer fast selbstverständlichen technischen Brillanz
formt er die kompositorischen Vorgaben stilsicher zu einer
eigenwilligen Neuauflage. Kein Wunder, dass ihm da Ravel wie
auf den Leib geschrieben scheint. Hier tobt sich der Pianist
aus, zeigt alle Facetten seines Könnens, so unglaublich
leicht, so unglaublich vielseitig. Die Tremolo-Ekstasen lösen
sich in weiche Modulation auf. Immer ist das Feld der Dynamik
Chuquisengos Spielwiese, Pausen verleihen Raum und spannungsgeladene
Tiefe. "Jeux d'eau", 1901 komponiert, vereint Ravels
technische Neuerungen. Und Chuquisengo vereint Virtuosität
und Interpretation.
Mozarts
Sonate in B-Dur (KV 333) erklingt dagegen fast schwer, die
spielerische Leichtigkeit scheint verflogen. Der federnde
Ansatz, den der Pianist verinnerlicht hat, ist hier eher störend,
auch die zu rasant genommenen Tempi. Chopin dagegen wird wieder
zu einem fulminanten Erlebnis. Wie wunderbar weich und dennoch
akzentuiert perlen die Läufe dahin. Weit sind die Etüden
davon entfernt, zu bloßen Übe-Stücken degradiert
zu werden. Sie erzählen unter den Händen von Chuquisengo
Geschichten, wie fast alle Stücke, die er interpretiert.
Und diese Geschichten nimmt man mit nach Hause."
Nicole Graner, Süddeutsche Zeitung,
21. Juli 2003
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